Der negative Anthropologe: Ulrich Sonnemann

by cominsitu

d18

by Roger Behrens, Jungle World, 2012

[see also: Negative Anthropology and Critical Theory, Johanßen, 2013]

Ulrich Sonnemann ist nicht nur der Kritischen Theorie zuzurechnen, sondern hat sie entscheidend mitgeprägt: Einerseits durch sein philosophisches Hauptwerk »Negative Anthropologie«, andererseits aber auch durch seine publizistische Einmischung in die Skandale und Debatten der bundesdeutschen Öffentlichkeit. Dass Sonnemann und seine Schriften, die seit einigen Jahren in sorgfältiger, bibliophiler Edition beim zu Klampen-Verlag erscheinen, heute kaum mehr wahrgenommen werden, spricht fast schon für seine Bedeutung für die Kritische Theorie: In der Ignoranz, die ihm im universitären Betrieb schon zu Lebzeiten widerfuhr, spiegelt sich das herrschende Desinteresse an der Kritik überhaupt.

Zu einfach machte man es sich, würde man vermuten, dass Sonnemann heutzutage so unbekannt sei, weil seine Theorie so sperrig und seine Sätze endlos lang und in ihren Gedanken verstrickt seien. Richtig ist, dass es bei Sonnemann kaum einen Satz gibt, der nicht mindestens zweimal gelesen werden muss, damit man seinen Gehalt erfassen kann. Seine Philosophie ist schwer, aber nicht schwierig, komplex, aber nicht kompliziert. Der Sozialphilosoph Helmut Reinicke bemerkte dazu: »Die Sprache ist knorrig bei Ulrich Sonnemann, die Sprache ist Waffe, die vornehmste und schärfste, dabei die denkbar menschlichste Inkarnation eines Kampfwerkzeugs.« Adorno meinte, Sonnemanns Sprache sei »allergisch gegen das Banale, mit dem Strom Schwimmende. Sie setzt der Sache zuliebe allerorten Widerstände gegen das, was die gängige Phrase Kommunikation nennt.« So ist auch die Sprache des Sozialphilosophen gewissermaßen der Versuch einer »Sabotage des Schicksals«, wie die »Negative Anthropologie« im Untertitel genannt wird. Kritik an den Verhältnissen ist bei Sonnemann mit der Kritischen Theorie selbst vermittelt und verweist auf die Grundbegriffe seines Denkens: Spontaneität und Freiheit.


Sofern sich im pseudokritischen Trivialpositivismus der früher einmal so genannten Geistes- und Sozialwissenschaften mittlerweile im Betrieb, der von Lehre und Forschung noch übrig ist, als Argument durchgesetzt hat, dass richtige und gute Theorie nur das ist, was sich aus dem Wikipedia-Lexikon kopieren und für Powerpoint-Präsentationen verwenden lässt, verwundert es nicht, dass Sonnemanns Bücher längst in den Regalen der Staats- und Universitätsbibliotheken verstaubt, wenn nicht sogar aus ihnen verschwunden sind. Im neuen Studiensystem der Bachelor- und Master-Abschlüsse hat Kritik keinen Stellenwert. Gerade angesichts Sonnemanns akademischer Laufbahn ist das eine ironische Wendung. 1974 wird er als Professor für Sozialphilosophie an die Gesamthochschule Kassel berufen, wo im selben Jahr mit seiner Unterstützung das exemplarische Lehrkonzept des »Kasseler Modells« beginnt. Es ist die akzeptable sozialdemokratische Variante der heute neoliberal durchgesetzten Bologna-Vorgaben. Sonnemann lehrte an der Gesamthochschule, die später Universität Kassel hieß, bis zu seinem Tod im März 1993, war also noch lange nach der Emeritierung tätig, nicht zuletzt – und auch das gehört in diesen Zusammenhang –, um seine Rente aufzubessern, die für ein passables Leben kaum reichte, auch weil seine Berufsbiographie durch die Flucht vor den Nazis und die Emigration gebrochen wurde.


Geboren wurde Ulrich Sonnemann 1912. Seine Lebensdaten umklammern das 20. Jahrhundert, das Zeitalter der Extreme. Am Vorabend des Ersten Weltkriegs kommt er in Berlin-Charlottenburg zur Welt. Seine Mutter ist Künstlerin, sein Vater leitet das Berliner Büro der Frankfurter Zeitung. 1917, im Jahr der Oktoberrevolution, bekommt der damals fünfjährge Ulrich ein Buch geschenkt: »Afrika. Der dunkle Erdteil im Lichte unserer Zeit«. In einem autobiographischen Entwurf schreibt Sonnemann: »Der vielen weißen Flecken auf seinen Landkarten halber – das Buch stammt aus den Neunzigern des vorigen Jahrhunderts, inzwischen sind sie sämtlich ausgefüllt, aber einem Fünfjährigen liegt solche Beargwöhnung fern – will ich Afrikaforscher werden.«


Afrikaforscher wird er nicht, aber das Motiv bleibt: Die Suche nach den weißen Flecken auf der weltgeschichtlichen Landkarte leitet sein Erkenntnisinteresse; jedoch keineswegs mit dem Ziel, diese Flecken auszufüllen und kartographisch zu bestimmen, sondern vielmehr um diese, im Sinne echter Utopie, als konkrete Orte der Freiheit zu vergrößern.


In »Negative Anthropologie«, seinem Hauptwerk von 1969, wird das zum Programm einer Forschung, die jedem Determinismus und jeder Setzung möglicher, denkbarer Determinationen des Menschen als Menschen widerstreitet. Sonnemann antwortet auf die Frage »Was heißt ›Negative Anthropologie‹?« luzide: »Dies heißt einerseits, dass eine positive Wissenschaftslehre vom Menschen logisch widerspruchsfrei gar nicht durchführbar ist. Und andererseits, dass das Humane schließlich nur aus seiner Verleugnung und Abwesenheit zu erschließen ist, dass der Schwerpunkt des Menschlichen in der Zukunft der Menschen liegt. In anderen Worten: Der kritischen Utopie nimmt sich das Buch an.«

Im Zentrum stehen vor allem die zwei aller emanzipatorischen Kritik vorausgesetzten, aber eben nicht unproblematischen »Determinationslehren«, die zugleich beanspruchen, die Determinismen zu überwinden, nämlich der Marxismus und die Psychoanalyse. Schon die Verbindung zwischen Marx und Freud versteht Sonnemann als Auflösung des Bestimmungs- und Ableitungszwangs, indem er hier die Notwendigkeit der Freiheit geltend macht; ähnlich wie Jean-Paul Sartre (und Günther Anders), aber mit einem anderen Resultat. Der Mensch ist, nach Sonnemann, eben nicht zur Freiheit verurteilt, sondern – um im Bild zu bleiben – freigesprochen. Es ist ein Freispruch indes, der seinen Ausgang von der herrschenden Unfreiheit nimmt, also von der Herrschaftskritik motiviert ist und dessen Ausgangspunkt es ist, in Adornos Worten, »Leiden beredt werden zu lassen«. In Sonnemanns Worten liest sich das so: »Die Freiheit, die in der Welt in Gestalt des Spontanen erscheint, will sich zeigen, sie will nicht bestimmt werden; sie ist selbst das Bestimmende (des Geistes) und die Bestimmung (des Menschen). Aus den Einrichtungen des Verstandes kann sie so wenig wie aus denen der Gesellschaft sich ableiten oder begreifen: Sie erhellt sich, wie sie sich erhält, vor dem Hintergrund des Haftenden, der Unfreiheit; und indem sie, so gefährdet, dennoch dauert und jeder Augenblick ihr Anfang ist, schafft und sichert sie – und nur sie – freien Einrichtungen Bestand.«


Um das Unberechenbare als Programm einer Philosophie der Spontaneität und als Praxis des Unverfügbaren gleichermaßen zu begründen, nimmt Sonnemann nun einen heiklen philosophischen Umweg, und zwar schon gleich nach dem Abitur und dem Beginn des Studiums in Berlin 1930: Wie viele andere, zumal jüdisch-linksintellektuelle Studierende ist auch er von Martin Heidegger fasziniert. 1931 verbringt er das Sommersemester in Freiburg. Und mehr als bei anderen Theoretikern – Adorno, Anders, vor allem Marcuse, aber auch Arendt – bleiben bei Sonnemann philosophisch-kritische Sympathien zu Heidegger, den er bis zuletzt schätzt als denjenigen, der »vorher unbedacht gewesenen Themen ( … ) den ganzen Komplex der Alltäglichkeit und Erfahrbarkeit aufschließt«, wie Sonnemann noch im Januar 1993 im Gespräch mit dem Herausgeber seiner Schriften, Paul Fiebig, sagt.


Dass Sonnemann sogar vor seinem Freund Adorno Heidegger »ein bisschen in Schutz nahm«, ist keineswegs als Verteidigung oder gar Fortsetzung des Denkens Heideggers zu verstehen, wie es vor allem der postmoderne Linksnietzscheanismus zur scheinbar zeitlosen Mode erhoben hat. Heidegger hatte mit »Sein und Zeit« 1927 dem fordistischen Zeitalter die Angst als fundamentalontologisches Motto ins Geschichtsbuch geschrieben, philosophisch verbrämt als Grundbefindlichkeit des Daseins bzw. als Grunderfahrung des In-der-Welt-Seins des Nichts, politisch als Festlegung des Menschen auf das Unmenschliche schlechthin, den Tod, bei gleichzeitiger Verharmlosung des Sterbens. Kritische Theorie entzündet daran ihren Widerspruch und ist wie die konkrete Utopie insofern emanzipatorisch. Sonnemann rekurriert dazu einerseits auf Günther Anders’ Postulat »Sei nicht feige, Angst zu haben!«, andererseits auf Adornos Forderung nach einem »Leben ohne Angst«. Als negative Anthropologie setzt er insofern fort, was Herbert Marcuse 1964 in »Der eindimensionale Mensch« praktisch-kritisch anvisierte und Adorno zwei Jahre später, 1966, in der »Negativen Dialektik« kritisch-theoretisch entfaltete: eine radikale Philosophie der Freiheit, die sich von der stummen Logik so wenig beschneiden lässt wie vom Aktionismus der blinden Tat. Der Untertitel der »Negativen Anthropologie« – »Vorstudien zur Sabotage des Schicksals« – erschließt sich damit ebenso wie die eindringliche Widmung des Buchs: »›L’imagination au pouvoir!‹ Parole der Pariser Studenten, Mai 1968«.

Damit widerspricht Sonnemann freilich auch Adornos »Negativer Dialektik«, bei aller theoretischen Nähe zu ihr, gerade wo diese anhebt mit dem Befund, dass »Praxis auf unabsehbare Zeit vertagt« sei. Dass Adorno im selben Jahr seine »Marginalien zu Theorie und Praxis« Ulrich Sonnemann zueignet, lässt erahnen, welche Dimensionen die Debatte um den Widerspruch von Theorie und Praxis besitzt. Theoretisch hat Sonnemann im Schlusssatz der »Negativen Anthropologie« selbst offen gelassen, warum die Kritische Theorie negativ und damit offen bleiben muss – weil »die Menschen bei ihrem besten Willen nicht ausdenken können, was sie sind, weil aus ihnen wird, was sie denken«.


Die Praxis ist Sonnemanns publizistisch-politischem Engagement in der Bundesrepublik eingeschrieben: Nach seiner Promotion in Basel 1934 mit einer Dissertation zum sozialen Gedanken bei H. G. Wells, seiner Flucht über Wien, Paris, Zürich, Brüssel, seiner Gefangenschaft im Internierungslager in Frankreich und seiner Flucht über Katalonien in die Vereinigten Staaten folgt 1955 die vorläufige, 1958 die endgültige Rückkehr nach Deutschland: der »prinzipiellen Ablehnung« geschuldet, »die endgültige Bestimmung meines Verhältnisses zu meinem Geburtsland den Nazis anheimzustellen«.


Sonnemann mischt sich ein in die Politik der Republik, die immer wieder ihren politischen Anspruch verrät, verbietet, zensiert, reglementiert oder einfach verwaltet und institutionalisiert. Seine Essaybände »Das Land der unbegrenzten Zumutbarkeiten. Deutsche Reflexionen‹« (1963) und »Die Einübung des Ungehorsams in Deutschland« (1964) werden viel beachtet und heftig diskutiert. Seine Intervention zur Justizsache Vera Brühne mit dem Titel »Der bundesdeutsche Dreyfus-Skandal« von 1970, die noch immer zu den nicht gänzlich geklärten Fällen der bundesdeutschen Rechtssprechung zählt, wird beschlagnahmt. Auch die Neuauflage 1985 »wird (durch Rechtsmittel) sofort unterdrückt«, und zwar durch die Anwälte des in dieser Sache involvierten Franz Josef Strauß.

Die Vereinigung der beiden deutschen Staaten verfolgt Sonnemann, der schon 1968 bemerkte, »das deutsche Volk kann Revolution machen nur noch gegen sich selbst«, mit Skepsis. Er vergleicht die Wiedervereinigung und die Auflösung der DDR mit dem sogenannten Anschluss Österreichs 1938.


Ulrich Sonnemann gehört auch zu jenen, die in den Achtzigern in einen kritischen Dialog mit der französischen Philosophie treten. Und in einer Zeit, in der jeder akademische Schwätzer mit der Aufmerksamkeit des Feuilletons rechnen durfte, wenn er nur irre genug die Großthesen der Postmoderne propagierte, blieb leider auch die blamable Kollision mit neurechten Konservativen und protofaschistischen Altlinken nicht aus, so idiotisch und lächerlich auch immer ihr Auftritt war. Mit dem Tübinger Privatgelehrten Gerd Bergfleth und dem zynischen Theoriepopulisten Jean Baudrillard debattierte Sonnemann damals die postmoderne Behauptung vom Tod der Moderne. Sonnemanns Deutung war legendär: Mit Bataille nennt er diesen Tod »La petite mort« und erklärt die Postmoderne zur Pubertät der Moderne.


Darüber hinaus gehört Sonnemann zu den ersten, die etwa Emmanuel Levinas, Michel Foucault oder Jean-François Lyotard in Anknüpfung an die Kritische Theorie und nicht gegen diese diskutieren. Bei ihnen findet er weitere Bausteine für die Fortsetzung seiner negativen Anthropologie als Philosophie der Freiheit, der Spontaneität und des Unverfügbaren.

Das daran anschließende letzte Projekt einer »transzendentalen Akustik« führt Sonnemann schließlich auf erste Erfahrungen zurück: »Meine älteste direkte Erinnerung: eine Faszination mit Sonnenreflexen, die fleckenförmig auf der Tapete des Zimmers spielen.« Sonnemann notiert das im Hinblick auf seine ersten Lebensjahre. Das Auge, der Schein und das Sein des Sichtbaren bleibt ein im Gesamtbau der spontaneitätstheoretischen Philosophie der Freiheit virulentes Thema: Selbstverständlich gilt »die generelle Wahrheit, dass das Auge sich selber nicht sehen kann: Eine restlose Objektivierung der Welt muss darum schon falsch sein, weil sie die Position ihres Veranstalters in dessen Veranstaltung nicht einbringen kann«.

Gleichwohl – und das gehört zur Dialektik der Aufklärung – ist die Moderne insgesamt beherrscht vom allsehenden Auge, vom Panoptismus also nicht nur in Bezug auf Überwachungssysteme und menschenjagende Suchscheinwerfern, sondern auch in der skopischen Ordnung des Denkens, der Logik und der Vernunft, die nicht nur allein metaphorisch-illuminativ weitgehend in den in Bildern visualisierten Begriffen verhaftet bleibt. Er kritisiert damit eine »Monopolisierung des Erkennens und Denkens durch die Herrschaft des Auges, die dann in der Inflationszeit der Bilder, also unserer, zu dem Zustand geronnen ist, für den ich 1986 den Namen Okulartyrannis in Vorschlag brachte«. Sonnemann plante den anarchischen Umbau der Philosophie – als »transzendentale Akustik«, für die er Erkenntnis nicht in Anschauungsformen, sondern in Anhörungsformen konzipierte: Aufklärung als Hörbarmachung, einschließlich Sehschärfe ergänzender Hörschärfe. Er variierte daraufhin den Schluss von Adornos »Negativer Dialektik« entsprechend, dass solches Denken nach Maßgabe einer transzendentalen Akustik auch wäre: Solidarität mit Metaphysik im Augenblick ihres Hörsturzes.


Es ist die grausame Ironie seines Lebens, dass ausgerechnet Sonnemann an Augenkrebs erkrankte. Er starb am 27. März 1993 im nordhessischen Gudensberg. Am 3. Februar wäre Ulrich Sonnemann einhundert Jahre alt geworden.


Ulrich Sonnemann Schriften erscheinen in einer zehnbändigen Ausgabe im zu Klampen-Verlag und werden von Paul Fiebig herausgegeben. Bisher liegen vor:
Band 1: Graphologie. Handschrift als Spiegel, Irrationalismus im Widerstreit
Band 2: Daseinsanalyse. Existence and Therapy. Wissenschaft vom Menschen
Band 3: Negative Anthropologie. Spontaneität und Ver­fügung. Sabotage des Schicksals