Für Krahl (Reinicke, 1973)

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by Helmut Reinicke (Merve Verlag, 1973) PDF

[See also: Digger Journal; Krahlstudien; Krahl-briefe]

»Ist das Wahre abstrakt, so ist es unwahr

Hegel

I.

Eine Darstellung der intellektuellen Biographie der Revolt am Denken von Hans-Jürgen Krahl (1944-1970) bedarf nicht des je­weils akribischen Nachweises der gelungenen marxistischen Ab­leitung jeder Kategorie. Nicht auf das hausmannskostartige Räsonnement kann es ankommen, den Versuchen einer Rekonstruk­tion der revolutionären Theorie auf jeder Stufe vorzuhalten, sie habe Theoreme der Marxschen Lehre ungenügend abgeleitet oder die Totalität nicht im Griff. Oft sind Krahls Gedanken noch mit den Muttermalen der Kritischen Theorie behaftet, – selbst seine letzten Arbeiten, die den mittlerweile ausgesessenen Meta­physikverdacht, ein Apriorismus läge der Revolution in der Theo­rie des historischen Materialismus zugrunde, an Marx herantragen. Dies sind Relikte, welche die weiteren Debatten über materia­listische Erkenntnistheorie nicht mehr zum Gegenstand ihrer Über­legungen zu machen brauchen; Krahls Arbeiten haben selber da­zu beigetragen, dass die Rekonstruktion der Marxschen Lehre den seit der II. Internationale und dem Stalinismus angestammten Vorurteilen nicht mehr aufsitze. Verkürzungen Marxscher Begriffe oder die oft spekulativen Ableitungen kennzeichnen die Eile, in der zur Zeit des aktiven Widerstandes der Hochschulrevolt gedacht wer­den musste; sie sind zugleich Index für die Notwendigkeit revo­lutionären Denkens, sich auch als vorübergehendes Theorem fest­halten zu müssen, als transitorisches Denken.

II.

Gegen Ende des letzten Jahrhunderts konnte Friedrich Engels, angesichts einer während der Sozialisten-Gesetze Bismarcks »pausbäckig« gewordenen Sozialdemokratie, die Revolte der jungen Parteimitglieder – gegen die Vertrauensseligkeit des or­ganisierten Proletariats auf den objektiven Gang der Geschichte zum Sozialismus – mit leichter Hand auf die Bedingungen des Parteikampfes verweisen; ihr »todesverachtendes Nehmen von Hindernissen in der Phantasie« quittierte er mit der Bemerkung, sie hätten mehr von den Arbeitern zu lernen als diese von ihnen.

<4>[1]  Nachdem der Kapitalismus wieder pausbäckig geworden war und Sozialdemokratie und kommunistische Parteien vollends die »li­berale Sicherheit« (Rosa Luxemburg) eines evolutionären Ge­schichtsprozesses sich anbequemt hatten, gingen in die Bildungsgeschichte linker Subjektivität andere Erfahrungsdimensionen ein, als dies zu Zeiten eines organisiert auftretenden kämpfenden Proletariats der Fall war. Wie kommt es, dass Individuen mit bürgerlicher oder kleinbürgerlicher Herkunft, deren Privilegien im noch funktionierenden Kapitalismus garantiert sind, »zur Rebellion und zur Revolution überlaufen, (…) sich fortschritt­lichen Sozialrevolutionären Bewegungen anschliessen« und »zur roten Fahne überlaufen« (S. 30)[2] ?

Hans-Jürgen Krahls Tod durch einen Autounfall im Februar 1970 war ein nicht zu ermessender Verlust für die Emanzipationsbe­wegung in den Metropolen. Die kurze politische Biographie von Hans-Jürgen Krahl, dessen Agitationstätigkeit und theoretische Arbeit die Politik der Protestbewegung wesentlich mitbestimmt haben, reflektiert die Bildungsprozesse vieler junger Linker, die nicht mehr den Sitz der Vernunft in einer kommunistisch -revolutionären Partei vorfinden; die lange Umwege durchgehen, um ihre bürgerliche Klasse zu verraten und sich den angestamm­ten Zusicherungen der Herrschaft zu entziehen. Für Hans-Jürgen Krahl begann der Prozess politischer Selbstverständigung mit ei­ner »Odyssee durch die Organisationsformen der herrschenden Klasse« (S. 20). Krahls intellektueller Bildungsgang von der »im­perialistisch abenteuernden Philosophie« Heideggers zum »fort­geschrittenen logischen Positivismus und schliesslich zur marxi­stischen Dialektik« korrespondiert dem Aufklärungsprozess »vieler derjeniger (…), die es von ihrer Klassenlage her eigentlich nicht nötig haben, sich der Praxis des Proletariats zuzurechnen, denen aber Übelkeit ankommt, wenn sie ihre eigene Klasse und ihre eigenen Klassengesellen kennenlernen (…)« (S. 21). »Nachdem mich die herrschende Klasse rausgeworfen hatte, ent­schloss ich mich dann auch, sie gründlich zu verraten, und wurde Mitglied im SDS. Im SDS erfuhr ich zum ersten Mal, was es heisst: Solidarität – nämlich Verkehrsformen herauszubilden, <5>  die sich aus den Unterdrückungen und Knechtungen der herr­schenden Klasse lösen.« (S. 22)

Diese Verkehrsformen kennzeichneten indessen erst jene Stufe der vorab noch negatorisch von den bürgerlichen Lebensverhält­nissen abgezogenen Perspektiven neuer Sittlichkeit – dass Sitt­lichkeit mit Freiheit und Konstitution emanzipativer Kollektivi­tät und Solidarität einhergehen muss, war schon Thema der re­volutionären Bourgeoisie, des jungen Hegel – und neuer Sinn­lichkeit, die sich aus der Kampfweise der Revolt in den Metropolen entwickelten und nicht in der Konnotation von »anti­autoritär« blind aufgehen. Anders als in der bürgerlich imma­nent bleibenden Negationsform der Boheme, die heutigentags sich drogenkultlerisch oder religiös-archaisierend mumifiziert hat, bemass sich der Versuch, innerhalb der Existenzweise spät­kapitalistischer Herrschaftsformen in den Metropolen partisanenhaft die Bedürfnisse nach Freiheit zu gestalten, stets an der Praxis politischer Aufklärung als vorläufiger Kampfform: damals der durch Protestation. Als deren Agitator sah die studentische Revoltbewegung von San Francisco, Paris und Berlin angesichts der spätkapitalistischen Manipulation der Köpfe der Unterdrück­ten ihre historische Aufgabe; es war Aufklärung, welche der Sozialistische Deutsche Studentenbund (SDS) vermittels des Pro­tests als Gegenseite von Verschleierung und Manipulation mas­senhaft materialisieren wollte, sich abarbeitend an den »Insti­tutionen der Unterdrückung«, der »Zwangsgewalt von Recht und Staat«. »Das bedeutet – und das ist auch die Rolle, die wir im SDS als Intellektuelle in der Aktualisierung des Klassen­kampfes zu übernehmen haben – , dass wir im praktischen Kampf die Theorie entfalten müssen, die für das Proletariat, seine Sprach- und Bewusstseinswelt die Herrschaft hier im Spätkapita­lismus verständlich macht, die so unendlich manipulativ und integrativ überdeckt ist, sie entschleiert und aufdeckt; dass es unsere Funktion ist, als politische Intellektuelle unser Wissen in den Dienst des Klassenkampfes zu stellen.« (S. 23)

In unablässiger organisatorischer und theoretischer Arbeit ging Krahl daran, die überkommenen Formen politischer Praxis und Theorie mit den anstehenden politischen Kämpfen zu vermitteln. Sein Nachlass, »Konstitution und Klassenkampf . Zur histori­schen Dialektik von bürgerlicher Emanzipation und proletari­scher Revolution«, enthält »Schriften, Reden und Entwürfe aus <6> den Jahren 1966-1970«. Aus dem uneinheitlichen Stand von Geschlossenheit der jeweiligen Schriften lässt sich ablesen, dass sie ohne den Hintergrund der täglichen agitatorischen Arbeit nicht rezipiert werden können. Hier werden nicht Finessen linker Theorie ans Licht gerückt, sondern von verschiedenen Ansätzen her die Konstitutionsbedingungen von Klassenbewusstsein, von revolutionärer Subjektivität reflektiert, wie sie die veränderten Formen von revolutionärem Kampf und proletarischem Bewusstsein seit Marxens »Kapital« und schließlich das Ausbleiben ei­ner nach dem großen Oktober übergreifenden Revolution – mit dem verfänglichen Erfolg des Aufbaus des Sozialismus in einem Lande – für die Rekonstruktion von revolutionärer Theorie er­heischen .

Es bezeichnet nun den Status der antikapitalistischen Protest­bewegung, dass exemplarische Aktionen, welche die Massen mobilisieren sollten, von den Erkenntnisträgern der bürgerlichen Gesellschaft in Parade gesetzt wurden; die Kampfform war mit­hin keine revolutionär-proletarische, die roten Helden waren nicht der Tradition der westeuropäischen Emanzipationsgeschichte entnommen, es waren »Che Guevara, Fidel Castro, Ho Tschi Minh und Mao Tse-tung« (S. 23). Sie repräsentierten den prole­tarischen Internationalismus und versicherten zugleich die revo­lutionäre Zielsetzung der Bewegung. »Gibt es über die von Marcuse allein für möglich gehaltene Solidarität der Vernunft und des Sentiments hinaus eine konkretere Basis für die Solidarisie­rung der Protestbewegung in den Metropolen mit den Befrei­ungsbewegungen in der Dritten Welt? Wie vermittelt sich die reale weltgeschichtliche Aktualität der Revolution zu unseren Tagesaktionen der Protestbewegungen in den Metropolen?« (S. 145).

Die revolutionären Bewegungen der Dritten Welt hatten nicht nur praktische Kämpfe der Revolt vorgehalten; es kennzeichnet auch den »Zerfall des Theoriebewusstseins« (S. 307), dass Revolu­tionäre wie Che Guevara nicht mehr in ihrer theoretisch-prak­tischen Stringenz studiert werden. Che’s Arbeiten über den im Kampf herzustellenden und für den Aufbau unabdingbaren »neu­en Menschen«, sowie seine Beiträge zur Kategorie der Ware und des Werts, sind nicht nur Momente jener Restitution der Marxschen revolutionären Theorie; sie wurden vermöge eines Befreiungskampfes gewonnen – nicht seminarmarxistisch aus der <7> theoretischen Tradition abgeleitet – und galten deshalb als Bei­spiel der herzustellenden Einheit von Theorie und Praxis. »Zwar kann sich in den Metropolen der Kampf nicht als eine unkriti­sche Übertragung der Guerillastrategie darstellen. Diese liefert aber ein Modell kompromisslosen Kampfes, von dem die traditionelle Politik der verfestigten Institutionen verurteilt werden kann , von dem auf jeden Fall die faulen Kompromisse der sowjetischen Politik , die überall die revolutionären Befreiungs­bewegungen im Stich lässt/ verurteilt werden können.« (S. 147)

Einmal drückt sich in der Bornierung der Revolt auf die zukünf­tigen Kopfarbeiter nicht bloß mangelhafte Strategie aus, die von diesen Köpfen ausgeheckt worden wäre. Andererseits ergab sich aus der spezifischen Agitations- und Organisationsweise, aus jenen substitutionalistischen Vorgriffen sozialistischer Studenten, die das Bewusstsein massenhaft verändern wollten, dass mit dem Übergehen der Bewegung zur außeruniversitären Arbeit – im Betrieb oder in Stadtteilen – sich ebenso politische Gruppen bildeten, die das Gegenteil jener rätedemokratischen Intentio­nen, welche die Revolt zu entwickeln suchte, vorstellten: zentristisch organisierte Parteienbildungen und eine Hierarchie der Kader. Der emanzipative Begriff des Antiautoritären wurde im Verlauf der Revolt zugleich revoziert und organisatorisch besei­tigt. Die Revolution erhielt das spätjakobinische Gewand der Aktualität der Revolution in der Subjektivität der je vorhande­nen Partei. Damit war die Konstruktion neuer Bedürfniswelten, die Entfaltungsformen neuer Sinnlichkeit im Verlauf des Kampfes zu seinem Vollzug, dem moralischen Pathos des gesetzten revolutionären Kollektivs gewichen. Die Intention, sich massenhaft zu mobilisieren, verkehrte sich zum dichotomischen Bewusstsein von der Masse und den Kadern. Mit einer Dialektik, als hätte Hegel sie eingegeben, lösen sich die Formen des spätkapitalis­tischen sozialistischen Kampfes in zwei Seiten der Medaille auf – wie der antagonistische Charakter der kapitalistischen Akkumulation-[3], seine Repulsion und Attraktion, seine eigenen Negationsformen sich aufzwingt.[4]

<8>  Hans-Jürgen Krahl, einer der agitativsten Theoretiker, den die Revolt hervorbrachte, war sich der noch bürgerlichen Bornierung der Bewegung bewusst und versuchte sie doch als Etappe auf dem Wege zum herzustellenden revolutionären Kampf zu begreifen; die »Söhne aus der bürgerlichen Klasse« waren »gleichsam über­gelaufen ( . ..) zu der Klasse, in der sich die befreiende Menschheit repräsentiert, nämlich im Proletariat« (S. 24) – freilich war dieses Überlaufen vorerst in den Köpfen der Individuen passiert, noch nicht Ausdruck praktischer Erfahrungen. Der Erkenntniszusammenhang, der für Intellektuelle die Motivation des anti­autoritären Protests begründete, ging durch die Einsicht, dass die Versprechen der bürgerlichen Revolution von Gleichheit, Freiheit und Brüderlichkeit kapitalistisch nicht organisierbar sind; »Freiheit, Gleichheit, Eigentum und Bentham« (Marx) sind selber konstitutiv für die Ideologie des bürgerlichen Tausches; es sind Kategorien der Zirkulationssphäre, welche die Ungleichheit verdecken, dass nach Maßgabe der Ideologie des freien Tausches der Kapitalist sich Lohnarbeiter eintauscht,« die, werden sie in der Produktion vernutzt, dem Kapitalisten Mehrwert einbringen. Die bürgerliche Gleichheit ist nur Schein; sie beruht auf Ungleichheit, auf der Ausbeutung der Ware Arbeits­kraft, die jedoch hinter der einfachen Warenzirkulation zwi­schen Ware Arbeitskraft und Salär verschwindet. Mit der Ein­sicht in diese Bedingung der bürgerlichen Gesellschaft war zu­gleich die Vorstellung eines von der ausbeuterischen bourgeoisen Welt abgehobenen bürgerlichen Individuums zerstört, an dem freie Subjektivität und bürgerliche Identität sich festge­macht hatten. Bürgerliche Identität bildete sich »auf der Basis des Privateigentums, realisierte sich auf dem freien Markt und lebte seiner lebensgeschichtlichen Perspektive zufolge aus dem Streben nach Profit und der Furcht vor dem Ruin.« (S. 316)

Hinter dem Citoyen lauert immer der Bourgeois, und auch die­ser hat – wie die Totalität gesellschaftlicher Repression – seine privateigentümliche Identität vermittels der Aktienkapitale anonymisiert. Das bürgerliche Individuum, das kraft der Herrschaft über Privateigentum an Produktionsmitteln emanzipative Seiten von Identität über Naturbeherrschung, und den Kampf gegen den Feudalismus hervorgebracht hatte, die citoyenhafte Seite des Kopfarbeiters, war zumindest seit dem Faschismus, der aus den inneren Gesetzmäßigkeiten der anarchischen bürgerlichen <9> Produktionsweise sich ergeben hatte, durch die Gewaltmittel der eigenen Klasse liquidiert worden. Nur schlechte Poesie konnte nach Auschwitz noch geschrieben werden; aber nicht weil die Animalisierung der bürgerlichen Gesellschaft nun endgültig die schönen Seelen vertrieben hätte. Adornos Wort von der Unmög­lichkeit lyrischer Sensibilität nach Auschwitz steht selber noch in der Immanenz bürgerlichen Denkens. Kunst war Erkenntnis­medium der zu sich kommenden Bourgeoisie, deren Produktions­zusammenhang notwendiger klassenmäßiger Ausbeutung ihr äußer­lich bleiben musste; im Zuge der bürgerlichen und damit der sich entwickelnden proletarischen Revolution eignete sich die ausgebeutete Klasse die organisatorischen und theoretischen Mit­tel an, um Einsicht in die Totalität der umzuwälzenden Gesell­schaft zu gewinnen und diese angreifen zu können: die revolu­tionären Parteien und die Kritik der politischen Ökonomie, wie sie Marxens Werk entfaltet. Damit waren sich praktisch begrei­fende Erkenntnismöglichkeiten erworben, die nicht mehr den Vorschein künftiger Freiheit besingen ließen, sondern sinnlich und theoretisch eingreifend die negative Totalität des kapitali­stischen Lebenszusammenhanges bekämpften. Der Ideenhimmel bürgerlicher Freiheit war damit materialistisch auf die Erde zu­rückgeholt, er konnte nur über die Negation seiner eigenen Be­dingungen realisiert werden. Was Erkenntnistheorie und Kunst ehemals für die progressive Bourgeoisie, als Theorie von Freiheit, dies musste Revolutionstheorie werden, umwälzende Kritik. Nicht Auschwitz machte Poesie unmöglich, sie war bereits nicht mehr angemessene Weise von Kritik, seitdem der Kapitalismus sich weltumspannend organisiert hatte und der Schein von Zufällig­keit, den die kapitalistische Exploitationsgeschichte je nach Entfaltung ihrer Produktionsmittel der Unterdrückung gab – von den sklavenhaltenden Puritanern über den Imperialismus und den Faschismus -, verschwunden war; dieser Schein erwies sich viel­mehr nach der Marxschen kapitalistischen Logik der gesellschaft­lichen Totalität als deren notwendiges Implikat. Weit vor dem Faschismus war emanzipative bürgerliche Identität, einst gewon­nen an den jahrhundertelangen Auseinandersetzungen mit der Feudalität und dem Hervorbringen der modernen Wissenschaften, zu ihrem eigenen Lichtbild geworden. Der Faschismus lieferte hiervon als eine Organisationsform des Privateigentums an Pro­duktionsmitteln die leibliche Bestätigung; er gab gleichsam die  <10> sinnlichen Erkenntnisbedingungen vor, um ihn als mit der bürger­lichen Gesellschaft notwendig verwoben zu begreifen und die bürgerliche Geschichte als die ihrer eigenen Destruktion auf ei­nem Hintergrund einzusehen, der sich den Verlust jener bürger­lichen Identität – nach deren Maßgabe die universitäre Ausbil­dung noch strukturiert ist – vor Augen hält.

»Dieser Verfall des bürgerlichen Individuums ist eine der wesentlichen Begründungen, aus der die Studentenbewegung den antiautoritären Protest ent­wickelte. In Wirklichkeit bedeutete ihr antiautoritärer Anfang ein Trauern um der Tod des bürgerlichen Individuums, um den endgültigen Verlust der Ideologie liberaler Offentlichkeit und herrschaftsfreier Kommunikation die entstanden sind aus einem Solidantätsbedürfnis, das die bürgerliche Klasse in ihren heroischen Perioden etwa in der französischen Revolution/ der« Menschheit versprochen hatte, das sie aber nicht einzulösen vermochte, und das jetzt endgültig zerfallen ist.« (S. 25)

Die wilden Streiks vom September 69 hatten jedoch jenes Sub­jekt wieder ins Blickfeld gerückt, von dessen tätiger Kritik die revolutionäre Theorie ausgegangen war. Angesichts der Ideolo­gie des abstrakten Protests hatte der SDS stets versucht, korri­gierend auf die bürgerlich-immanenten Vorstellungen einzugehen, die hinter den Forderungen einer Bürgerrechtsbewegung die zu konstituierenden Bedingungen proletarischer Subjektivität – und diese kann nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein – aus den Augen verloren. »(…) die Studenten erblickten In der Ar­beiterklasse den noch unklaren Inbegriff der qualitativen Massen, die sie aus ihrer politischen Einsamkeit erlösen sollten. Was Marx von der Willich-Schapper-Fraktion sagte, gilt gegenwärtig mutatis mutandis: ‘Wie von den Demokraten das Wort Volk zu einem heiligen Wesen gemacht wird, so von Euch das Wort Proletariat‘ » (S. 205).

Damit ähnelte der Protest dem humanitären Pathos eines neuen Vormärz. Ihm gehörte jener Bewusstseinsstand zu, wie Krahl selbstkritisch vermerkt, »dass allein Randgruppen, intellektuelle, privilegierte Randgruppen in Stellvertretung für die Arbeiter­klasse handeln und gewissermaßen eine Art Menschheitsrevolution, ohne Unterschied der Klasse, initiieren könnten. Das alles hat sich sicherlich als Ideologie herausgestellt.« (S. 25) Während der Protestbewegung blieben die Formen der Koopera­tion mit Arbeitern zufällig – bis auf wenige Gruppen, die <11> Arbeiter in ihren Reihen hatten; der SDS war als Hochschulgruppe definiert, spontane Verbindungen mit Arbeitern in Betrieben, auf Teach-ins oder während Demonstrationen waren kurzlebig. Die Protestbewegung verebbte, als Autoritäts- und Ausbildungsdebat­ten geführt und Reformen versprochen waren; die zukünftigen Kopf- und die streikenden Handarbeiter konnten sich noch nicht vereinen. Dadurch war allerdings für den SDS eine entscheiden­de Etappe gesetzt: »Die antiautoritäre Revolte war ein marxisti­scher Lernprozess, in dem wir uns allmählich von den Ideologien des Bürgertums gelöst (…) hatten, und in dem wir uns endgül­tig klargeworden sind, dass (…) es jetzt darauf ankommt, im Kampf (…) gegen die organisierte Macht des Kapitals (…) Bedingungen zu erarbeiten, damit wir in organisatorischen Kon­takt mit der Arbeiterklasse treten können (…).«(S. 25f)

Im Vollzug der Protestbewegung musste sich der SDS als Hochschulgruppe auflösen; hiermit war das Ende der Hochschulrevolt organisatorisch markiert. Der materialistischen Logik der Revolt gemäß versammelten sich die Genossen in arbeitenden außer­universitären Gruppen.

Der politische Lernprozess der Revolt implizierte zugleich Konstruktion von Kollektivität und unabdingbar hiermit Rekonstruktion von genossenschaftlicher Individualität. Die kollektive Organisation ist der Ort, an dem Solidarität, herrschaftsfreie Kommunikation sich entfalten können muss. Gewiss waren die Kommunikations­formen der Revolt noch von allen Malästen des Systems gezeich­net, an dem sie sich negativ orientierten – »denn sicherlich sind wir selbst noch mit den Malen kapitalistischer Herrschaft geschlagen, gegen die wir kämpfen« (S. 27) -, aber unauslasslich war die Einsicht, »dass, wenn man gegen diese Gesellschaft kämpft, notwendig ist, die ersten Keimformen der künftigen Ge­sellschaft schon in der Organisation des politischen Kampfes selbst zu entfalten, die ersten Keimformen anderer menschlicher Beziehungen, herrschaftsfreien menschlichen Verkehrs, selbst um den Preis einer hohen Disziplinierung und Unterdrückung, die wir uns selbst auferlegen müssen.« (S. 26f) Um Freiheit zu er­kämpfen, bedarf es Mittel, die dem Ziel nicht äußerlich sind; das Ziel muss in den Aktionsformen und Organisationsformen prä­sent sein, und im »Kampf« wiederum »findet sich diese Masse zusammen, konstituiert sich als Klasse für sich selbst.« [5]

<12> Mit dem Aufkommen der Bourgeoisie entfalten sich die Kategorien von Freiheit und Gleichheit. Sie sind Produkte der Zirkulation von Tauschwerten. Die ökonomischen Formbestimmungen stecken die jeweils historische Bestimmtheit ab, worin die Individuen verkehren. Die bürgerliche Individualität war an den Solipsismus der Ware ge­kettet, an die je spezifische Eigenschaft innerhalb der Austauschbarkeit der Waren Die Ware ist die Zellenform des bürgerlichen Privateigentums. Bürgerliche Subjektivität vermittelt sich über das Privateigentum, das als Tauschwert die sozialen Beziehungen der Bürger untereinander regelt. Das warenhafte Privateigentum ist un­trennbar verknüpft mit bürgerlicher Individualität: die Bürger sind nur Subjekte der Zirkulation – der Ebene des bürgerlichen Verkehrs als Privateigentümer von Tauschwerten. Der Bürger tritt somit als Ware auf. Da die sozialen Beziehungen bestimmt sind über den Tauschwert, über die Zirkulation, so sind die proletarischen Spu­ren erloschen, welche die über Ausbeutung gehende Reproduktion des Bürgers ausmachen: Arbeit in der Form von Lohnarbeit, Nicht­-Eigentum an Produktionsmitteln sowie das individuelle Recht sich als Ware Arbeitskraft mehrwertproduzierend ausbeuten zu lassen. Dies waren die proletarischen Konstituentien des bürgerlichen Be­griffs der Individualität, neben der an Waren, Privateigentum und Tauschgleichheit gebundenen, der Feudalität abgewonnenen Seite. Die inhärenten Formen der Ausbeutung und Unterdrückung, über welche die bürgerliche Identität sich nur denken lässt, sowie der Solipsismus der Ware, die dem Homo (homini lupus) der bürger­lichen Gesellschaft unterliegt – denn die Warenbesitzer müssen sich konkurrierend gegenüberstehen – diese Formen bestimmen die Negativität der bürgerlichen warenhaften Individualität. Die Bür­ger treten sich als »freie« Individuen gegenüber, aber nur als subjektivierte Tauschwerte (Marx); sie haben ferner kein unmittel­bares Verhältnis zu den gesellschaftlichen Produkten. Von die­ser Seite ist die bürgerliche Form der Individualität nur negativer Vorschein dessen, was die solidarisch revolutionäre Verei­nigung der Individuen herausbilden muss, um »sich und die Dinge zu verändern« (Marx, 18. Brumaire). Erst im immer neu einzu­leitenden Versuch herrschaftsfreier Organisation zur politischen Umwälzung vollzieht sich die beginnende Position: Das Abstreifen der Warenhaut. Die Ware ist »Bürger dieser dieser Welt« [6], wie der Bürger zur Ware wird. Diese negative Identität über den Warensolipsismus kennzeichnet einen emanzipativen Begriff von Indivi­dualität nur in dem Sinne, dass bürgerlich sich Individualität <13> denken, wenngleich auf dem Boden bürgerlicher Verhältnisse nicht herstellen lässt. »Wir machen solange individuelle und ver­einzelte Bildungsprozesse mit allen Entstellungen und Narben durch, solange wir entweder Mitglieder der herrschenden Klasse oder der unorganisierten in sich zerrissenen Arbeiterklasse sind, in der jeder einzelne gezwungen ist, seine Haut zu Markt zu tragen; wir »machen solange entstellte und verzerrte Bildungs­prozesse durch, solange wir vereinzelt sind und nicht organisiert (…).  In dem Augenblick aber wird unser Bildungsprozess ein kollek­tiver, nicht im Sinne der Vernichtung von Individualität, sondern überhaupt erst in der Herstellung von Individualität so wie er meta­physisch in Hegels ‚Phänomenologie des Geistes’, materialistisch in Marxens ‚Kapital’ und psychoanalytisch in den Theorien Freuds formuliert ist, indem wir diese Gesellschaft als ein totales Ausbeutungssystem durchschauen, in dem die produktive Lebenstätigkeit der Menschennatur verkümmert. Wir machen Bildungsprozesse durch, die überhaupt erst Individualität wieder herstellen und das, was Individualität ist, in einem emanzipativen Sinne rekonstruieren, indem wir uns im praktischen Kampf gegen dieses System zusammenschließen.« (S. 28 f)

Freilich waren die Erkenntnisbedingungen derer, »die es ihrer Herkunft nach nicht nötig haben, zur Rebellion und zur Revo­lution überzugehen, gleichwohl sich fortschrittlichen Sozialrevo­lutionären Bewegungen anschließen« (S. 30), nicht der proletari­schen Erfahrung des kapitalistischen Arbeitsprozesses, dem Ver­wertungsprozess der Ware Arbeitskraft, entnommen. Der Weg der Studentenrevolt ging über die Einsicht nicht mehr vom Stand der unmittelbaren Bedürfnisbefriedigung zu legitimierender For­men von Knechtschaft, der repressiven Einschränkung schöpferi­scher Erweiterungen der menschlichen Bedürfnisse nach Freiheit. »Das ist das Moment sozialer Unterdrückung, das wir als die­jenigen, die privilegiert sind, zu studieren, auch einsehen konn­ten (…)« (S. 30) Die sozialistischen Studenten waren keine kri­tischen Theoretiker, die angesichts der selbstdestruktiven Bewe­gungen des Kapitalismus sich zum reinen bürgerlichen Ideen­himmel zurückwenden, den Schmerz ontologisieren und die Sehnsucht nach vorwärts romantisch zurückhalten, weil das nicht werden kann, was bürgerlich nicht sein darf; weil das nicht zu erreichen sei, wogegen das Ganze sich sperre. »Es ist nicht das bloße Trauern um den Tod des bürgerlichen Indi­viduums, sondern es ist die intellektuell vermittelte Erfahrung <14> dessen, was Ausbeutung in dieser Gesellschaf heißt, nämlich die restlose und radikale Vernichtung der Bedürfnisentwicklung in der Dimension des menschlichen Bewusstseins.« (S. 30) Studentische Politik und Erkenntnisprozesse mussten an ihre Schranke stoßen: Indi­vidualität und Freiheit sind weder bürgerlich herzustellen noch uto­pisch auszusinnen.

Die Konsequenz des derart fortschreitenden Erkenntnisprozesses kann nur sein die Praxis der konkreten Utopie: in der Herstellung des revolutionären Kampfes.

III.

Dem revolutionsgeschichtlich aufgezwungenen Substitutionalismus entsprachen dezisionistische Denkformen, die – wie ehemals die Heideggerschen, die noch in die junge kritische Theorie eingegangen waren (bei Marcuse) – sich in der umstandslosen Wiedergabe von Aussprüchen Horkheimers, aus der »Dämmerung« des Heinrich Regius, spiegeln. Im Dezisionismus Horkheimers – »Wenn der Sozialismus unwahrscheinlich ist, bedarf es der um so verzweifelteren Entschlossenheit, ihn wahr zu machen«, – sitzt ebenso noch die moraltheologische Bourgeoisie, wie ein austromarxistisches Moment in der ausweglosen studen­tischen Revolt, die jenen Satz sich zum Motto macht (cf 207).

Dass die Theorie sich nicht hat materialisieren können, obwohl für die Bewegung die »ökonomiekritischen Prognosen des Histo­rischen Materialismus über den naturgesetzlichen Geschichtsverlauf der kapitalistischen Weltordnung« sich bestätigt haben (S. 207), verleiht der alten Frankfurter »Kritik« Raum; man glaubt sie immer noch beim Wort nehmen zu können: Dass bürgerliche Kritik am proletarischen Kampf eine logische Unmöglichkeit sei, das Wort des jungen Horkheimer, sollte an den Wänden des Instituts für Sozialforschung in Frankfurt beschwören, dass die kritische Theorie sich noch zu sich bekenne. Sie war freilich selber nur eine erkenntnismäßig-logische Ableitung gewesen und hatte sich aus der spätbürgerlichen Kritik nicht befreien wollen.

Der Rekurs auf die bürgerlich-radikalen Jugendsünden der kriti­schen Theorie mag die unabdingbare Konsequenz einer ehemals dem Proletariat zugeneigtem Theorie dieser vorhalten, die, ver­bleibt sie in bürgerlicher Immanenz, sich schließlich in der Welt als Vorstellung und dem Glauben an das »ganz Andere« zurecht­findet; er markiert zugleich die »strategische Ungewissheit in  <15> Bezug auf die geschichtliche Aktualisierung des revolutionären Klassenkampfes im Spätkapitalismus« (S. 204), trotz der theoreti­schen Prämisse der Revolt: »Die historischen Bedingungen für die wirtschaftliche Zusammenbruchskrise des Kapitals sind er­füllt.« (S. 207)

Die Kritik der politischen Ökonomie hatte das Kapitalverhält­nis bis zu seiner höchsten Spitze hin analysiert, der – kapita­listischen – Vergesellschaftung des Privateigentums an Produk­tionsmitteln durch Aktiengesellschaften und der Übernahme der Leitung der Produktion – der »produktiven Maschine« (Marx) -durch den Staat. Indessen hat die Kritik der politischen Ökono­mie jenen Zustand nicht revolutionstheoretisch – bis auf Ansätze bei Engels – erfasst, der von Neumann, Horkheimer und Marcuse mit der ökonomischen Potenzierung der Politik, dem Phänomen des autoritären Staates bezeichnet worden war. In dieser theo­retischen Tradition bedenkt auch Krahl: »durchaus fraglich ist, ob revolutionäre Theorie noch als Kritik der politischen Ökono­mie möglich ist«. Dies hieße, dass der »Typus revolutionärer Theorie (…) für die durch die geschichtliche Erscheinungsform des autoritären Staats, den zunehmenden ökonomischen Primat des Politischen nur ungenügend bestimmte Endphase des Kapita­lismus noch aus (-steht).« (S. 213) Eine derart verstandene Fort­entwicklung des historischen Materialismus will mithin der For­derung von Korsch und Lukács nachkommen, dass die Theorie auf sich stets selber angewandt werden muss, soll sie Revolutions­theorie bleiben. Zugleich erfordert die Restitution revolutionärer Theorie die Insistenz auf die von Lukács und Korsch »zu Tage geförderte subjektive emanzipatorische Dimension der revolutio­nären Theorie des Proletariats« (S. 214), welche durch den sozia­listischen Aufbau in einem Lande episodisch geblieben war. Der Begriff des autoritären Staates hatte nicht nur die faschistische Erscheinungsform desselben im Auge, sondern die Möglichkeit der kapitalistischen Veränderung des Staates zum Staatskapita­lismus.

Die Aufarbeitung von Horkheimers Schriften hatte zwiespältige Gründe. Horkheimer hatte zwar am Endpunkt – wie er meinte – der Kritik der politischen Ökonomie angesetzt; er strapaziert aber zugleich die bürgerlich-intellektuelle Seite der Revolu­tion. Was für Intellektuelle stets mag gelten können – wenn auch revolutionspraktisch ohne Wirksamkeit -, gilt noch nicht für die proletarische Klasse; Horkheimers Satz, »Für Revolutionäre <16> ist die Welt schon immer reif gewesen« (cit. bei Krahl 220), nimmt die solidarische Vereinigung der Kämpfenden zu­rück aufs bürgerliche Subjekt. Für die Revolt, die ebenso von diesem Endpunkt der Theorie meinte ausgehen zu können, hatte dieser Satz gleichsam anthropologisches Gewicht angesichts der an sich bleibenden Klasse. Theoriegeschichtlich heißt dies, dass das Horkheimers Denken zugrunde liegende individuelle bürgerliche Subjekt auf neuer Ebene nachgeholt wird: In der Diskus­sion des Verhältnisses von Anarchismus und Marxismus, die Rudi Dutschke initiiert hatte. Dieses Verhältnis schien sich ver­ändert zu haben. »Die seinerzeit praktisch richtige und theoretisch wahre Polemik Marxens gegen den idealistisch abstrahie­renden Voluntarismus der Bakunisten scheint vom kapitalistischen Geschichtsverlauf selbst außer Kraft gesetzt (…) das an seinen naturgeschichtlichen Endpunkt regulativ fixierte Kapital scheint das Verhältnis von Marxismus und Anarchismus auf des Historischen Materialismus selber zu ändern.« (S. 220)

Gewiss war es an der Zeit, das die Diskussion der Geschichte der Theorie der Revolution belastende Verhältnis von Anarchismus und Marxismus hinsichtlich versäumter Fragestellungen zu besehen; Marcuse versuchte hier eine Bresche zu schlagen. Zugleich indizierte der Rekurs auf den theoretischen Anarchismus der Zeit der Entstehung des historischen Materialismus, dass eine praktisch-theoretische Dimension Substitut der fehlenden Praxis wurde, der des mit den Studenten aktionsmäßig verein­ten Proletariats. Die Theorie des Anarchismus substitutionalisierte die von der Kritik der politischen Ökonomie nicht eingelöste Praxis. Die versuchte Resurrektion des Anarchismus war das Eingeständnis studentisch-kleinbürgerlicher Isolation; zugleich al­lerdings die historisch einzulösende Verpflichtung, der Theorie der Revolution – gerade der Marxschen – verlorengegangene Dimensionen von Subjektivität gegen die erstarrte Ortho­doxie dem historischen Materialismus als Revolutionstheorie zu vindizieren. Die Revolt trieb aber durch diese theoriegeschicht­lichen Fragen ihre eigene theoretische bürgerliche Vergangen­heit an ihren Endpunkt: die spätbürgerlichen radikalen Fragen der kritischen Theorie der Frankfurter Schule erwiesen in konse­quentem Erbe sich als erräsonnierte Kulturkritik. Sie beim Wort zu nehmen, konnte nur heißen, die Resurrektion der Marxschen Theorie als Revolutionstheorie zu besorgen. Horkheimer hatte zu  <17> bedenken gegeben: »Jede Resignation ist schon der Rückfall in die Vorgeschichte« (cit. 221). Die Revolt bemühte sich aus der resignativen Theorie der Frankfurter Schule herauszukommen. Um die Vorgeschichte theoretisch zu bearbeiten und praktisch umzuwälzen, ist ein befreiter Wille nicht schon vorhanden; er wird sich erst durch begrifflich-praktische Arbeit kollektiv kon­stituieren. Die kritische Theorie hatte mithin ihren Nekrolog eingeholt, als es sie nicht mehr gab.

Eine Ausnahme bildete Marcuse, der »eindeutig für die Revolu­tion votiert, wobei zweideutig bei ihm ist, ob er überhaupt ein revolutionäres Subjekt für möglich hält« (S. 231). Bei Habermas, dessen » Chronik eines Denkverfalls« Krahl glänzend belegt (S. 231, passim), und Adorno setzt sich schließlich das Ende der Frank­furter Schule praktisch und polizeilich um: »unter dem Druck der Frankfurter Verhältnisse, die die Revolution in das eigene Haus getragen haben« (S. 231). Der Gang der Selbsterkenntnis von der kritischen Theorie zur revolutionären Theorie lässt indessen ohne allen Zweifel, dass die Bewegung wesentliche Kategorien dem Denken Adornos und Horkheimers verdankt: die kritische Theorie hat »Emanzipationsbegriffe an die Hand geliefert«; »die Trauer um den Tod des bürgerlichen Individuums und um den Verlust der herrschaftsfreien Kommunikationsideologie des gerechten Warentauschs durch die monopolistische Entpersonalisierung des Marktes, das sind (…) Motivationen, die nach Ab­schluss der Restaurationsperiode in der Bundesrepublik den anti­autoritären Protest motiviert haben.« (S. 235)

Anfängliche Kategorien der Kritik hatte die studentische Protest­bewegung aus der Tradition der kritischen Theorie der Frankfur­ter Schule gewonnen; diese hatte die »trauernde Erinnerung an die emanzipativen Gehalte des revolutionären Bürgertums und gerechten Tauschverkehrs« (343) formuliert, – wie Krahl sie als Bildungsgut der Bewegung bezeichnet; so Horkheimer, zwar als »revolutionärer Moralist der proletarischen Revolution«, wenn­gleich immer als »kritischer Theoretiker einer vergangenen bür­gerlichen Sittlichkeit« (S. 241). Adorno vermittelte herrschaftsentschleiernde Kategorien gleichsam aus der resignativ-bürgerlichen Sicht der sistierten und mithin unmöglichen Revolution. Die kri­tische Theorie ontologisierte den – russisch – nachrevolutionären Zustand vor der ausstehenden Revolution. Indessen reflektierte gerade Adorno Phänomene einer Kulturindustrie als Herrschafts­instanz, die der monopolkapitalistischen Manipulationsebene – <18> »wo noch handfest gehungert wird, kann das Instrumentarium der Manipulation noch ungeschliffen und brutal sein. Zur Betäubung der Massen reichen die traditionellen, ohnehin schon vom Lei­stungszwang der Mehrarbeit bestimmten Formen der Religion aus, der Schnaps tut sein übriges » (S. 345) – entsprachen. Freilich ist die »Verkümmerung der materialistischen Geschichtsauffassung« (S. 287) in der kritischen Theorie unübersehbar; Krahls Würdigung Adornos nach dessen Tode, er »überlieferte das Emanzipationsbewusstsein des westlichen Marxismus der zwanziger und dreißi­ger Jahre« (S. 287), akzentuiert eher den Beginn der Bewegung vermöge der kritischen Kategorien Adornos als dessen Tradie­rung der marxistischen Diskussion. Konstitutiv für die Intellek­tuelle Biographie Krahls bleibt allerdings die »Ebene eines philosophiekritisch reflektierten Marxismus« (S. 207), welcher der Frankfurter Schule ebenso sich verpflichtet weiß, wie die »po­litische Sensibilität« (S. 303), welche die Revolt als emanzipative Bewegung auszeichnete. Jenem resignativ-spätbürgerlichen Zug, sowie der Unmöglichkeit, kulturkritische Einsichten klassenkämp­ferisch umzusetzen, galt die Kritik der Kritik.

IV.

Nicht zufällig ist, dass die Revolt marxistische Probleme diskutierte, die eine ähnliche Anstrengung darstellten, gegen die Verkümmerungen des Marxismus zu Felde zu ziehen, wie seinerzeit die Versuche von Lukács und Korsch. Resurrektionsversuche des westlichen Marxismus implizieren eine Kritik von zwei Sei­ten, einmal am Revisionismus, zum andern an der Orthodoxie. »Die historischen Bedingungen für Orthodoxie und Revisionismus, dogmatische Erstarrung und systemintegrativen Widerruf der vormals kritischen Theorie Marxens zur positiven Weltanschauung finden sich auch in den scheinbar praxisentferntesten und ‘ab­strakten’ Verästelungen philosophischer Kontroversen wieder.« (S. 143) Namentlich Karl Korsch hatte darauf insistiert, dass die Philosophie ein Bestandteil der revolutionären Theorie sei, so­lange ihre kritischen und emanzipatorischen Implikate noch nicht revolutionär abgegolten sind. Für Marx war es klar, dass bürger­liches Denken sich Einsicht in seine Konstitutionsbedingungen nicht verschaffen kann; es scheitert an der Transzendentalität der bürgerlichen Gesellschaft, deren blinder Objektivismus dem <19> bürgerlichen Denken aufgelastet ist und mithin Kritik über negatorische Kategorien nicht gewährt. Orthodoxie und Revisionis­mus bleiben dem bürgerlichen Denken noch insoweit verhaftet, als die Philosophie nur als bürgerliches Spintisieren begriffen wird; zurecht verschärft Krahls Fragestellung Korschs Insistenz auf der Notwendigkeit philosophischer Reflexion, solange deren Geltungsbedingungen noch bestehen – also die Bourgeoisie noch die Macht in den Händen hat -, denn Philosophie hat bei Korsch immer noch den Status korrektiven Denkens; es bemisst materialistisch-erkenntnistheoretische Fragen gleichsam moralisch und nimmt sie somit in den Marxismus auf, statt diesen revolu­tionstheoretisch als selbstbewussten Erben von Erkenntnistheorie und Erkenntniskritik in praxi zu sehen. Korschs Diskussion ist selbst noch immanent, was Krahl im Anschluss an ihn der bür­gerlichen Philosophie ankreidet: Ihr notwendiger Klassenstand­punkt verhindert die Einsicht in ihre eigene Objektivität; der »historische Zusammenhang von Erkenntnis und Gesellschaft, ideengeschichtlichem Philosophieprozess und Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft« ist nicht einsichtig: »Dies ist vor allem der Grund für die Fehlinterpretation des deutschen Idea­lismus (Kant bis Hegel) als rein ideengeschichtlichen Prozess, den doch Hegel selbst und seine philosophischen Zeitgenossen als vernünftigen Ausdruck ihrer geschichtlichen Epoche der re­volutionären Bewegung begriffen haben.« (S. 144)

Krahls »philosophiekritisch reflektierter Marxismus« konnte sich vorab an der Erkenntniskritik Horkheimers und Adornos orien­tieren, deren »Ideologienkritik am transzendentalen Subjekt (…) dies als den abstrakten Gesamtarbeiter (entschleierte), die meta­physische Travestie des kapitalistischen Produktionssubjekts« (S. 399). Ökonomiekritische Ableitungen philosophischer Theoreme spielen sonst den Interpretationen – vorwiegend Adornos – beiher; in der »Dialektik der Aufklärung« begreifen die Autoren selbst die mo­nopolistische Gesellschaft unter dem Aspekt des Tausches. Krahl hat nun im Anschluss an Lenin, Lukács und Korsch Sentenzen einer geschichtsmaterialistischen Lektüre des Idealismus formu­liert, diese nicht als bildungsbürgerliches Erbteil, sondern als unabdingbaren Bestand jener höchsten Begriffe der Bourgeoisie, anhand deren Marx die Kritik der politischen Ökonomie – die ihre Methode der Hegelschen Dialektik verdankt – entwickeln konnte. »Das Studium der Hegelschen Logik ist genau genommen <20> logische, nicht chronologische Voraussetzung der Marxschen Kri­tik der politischen Ökonomie.« (S. 373)

Marx band seine »Kritik« an die bürgerlich vorgegebenen Kate­gorien der politischen Ökonomie. Er verstand deren begriffli­ches Handwerkszeug nicht als – positivistisch – auswechselbare Nomenklaturen, sondern ‘als daseiende Kategorien«, »Existenzbestimmungen«. Er schreibt ihnen einen Realitätsgehalt zu, der die ökonomisch verfasste Welt des Warenmarktes begrifflich dar­stellte. Marx knüpfte an den Kategorien der politischen Öko­nomie an, da die bürgerliche Gesellschaft als daseiender Ma­terialismus verdinglichter Produktionsverhältnisse – Menschen und Dinge waren zu Waren geworden – vorab von der sie kon­stituierenden Produktionsweise und deren Theorie in den Köpfen ihrer Apologeten anzupacken war. Dies hieß nicht, dass den sonstigen Begriffen und dem sonstigen Selbstverständnis der Bour­geoisie auf der Ebene ihres höchsten Begriffs ein bornierterer Status zukäme; gerade das Hegelsche System fasst wie kein anderes die Totalität der Bourgeoisie als dynamische Entität in sich. Diesen Totalitätsanspruch verknüpft Marx mit den die Produktionsweise spezifisch reflektierenden Kategorien, da das gesell­schaftliche Sein – als vorrangig von seiner ökonomischen Repro­duktion bestimmtes – das Bewusstsein bestimmt, jenem mithin der Primat zukommt; dieser macht den historischen Materialismus wesentlich zur Theorie der bürgerlichen Gesellschaft: die gesell­schaftliche Produktion, gebunden an Lohnarbeit und Mehrwert, bestimmt das Bewusstsein und noch nicht umgekehrt. Die Kritik der politischen Ökonomie korrespondiert mithin dem daseienden Ökonomismus der kapitalistischen Gesellschaftsformation. Dem philosophischen Denken kam noch zu, gleichsam metaökonomisch die Welt zu begreifen und sich ihre Totalität anzueignen. Die bürgerliche Welt bespiegelt sich philosophisch ebenso in dasei­enden Begriffen wie die theoretischen Explikationen der poli­tischen Ökonomen. Freilich konnten bürgerliche Begriffe die Welt nur in ihrer bourgeoisen Verfassung wiedergeben; sie wider­spiegelten also die Naturwüchsigkeit der anarchischen Produk­tionsweise dieser Epoche, die ihre Reproduktion noch nicht selbstbewusst zu regeln verstehen kann, vielmehr selber durch die von ihr produzierten Waren und Kapitalformen beherrscht wird.

Die Kategorien der klassischen Philosophie belegen dies. »Im Verhältnis von Transzendentalität und Totalität liegt das <21> Geheimnis der kapitalistischen Naturwüchsigkeit« (S. 74), denn die »Wahrheit des absoluten Begriffs ist das Kapital« (S. 79). »Das transzendentale Subjekt erweist sich in materialistischer Kritik als der in toto anarchische Produktionsprozess der Gesamtge­sellschaft« (S. 57). Während Kant »auf dem Standpunkt des bürger­lichen Tauschverkehrs und Rechtsverkehrs steht« (S. 401), so Hegel »auf dem Standpunkt der Logik des Kapitals« (S. 376). Die Hegelsche Logik repräsentiert – als dialektische – den Gang der Selbstbewegung des Kapitals, sie spiegelt die Abstraktheit des realen Prozesses wider, die, wie die sich dialektisch weitertreibenden Kategorien Hegels, als wertsetzender Wert die konkreten Di­mensionen der Alltagspraxis sich subsumiert, zumal jene Klasse als negatorisches Moment, die durch ihre daseiende Negation in der Lohnarbeit die mehrwertstrukturierte Geschichte als die von Abstraktionen, Waren, Tauschwerten, Lohn und arbeitszeitzerspleißter Lebenserfahrung produziert. Das Kapital ist »die da­seiende Phänomenologie des Geistes, es ist die reale Metaphy­sik« (S. 375), welche die Philosophie als reine Wesenheiten be­schrieb.

Bei Kant ging die Ebene des bürgerlichen Tauschs zwingend in die formale Logik ein, die nach Hegels Kritik inhaltslos bliebe. Krahl bemerkt zu Kantens Satz, »denn die Logik abstrahiert von allem Inhalte«: »Eben solch eine logische Prädikation vollzieht sich als gesellschaftliche Abstraktion im deshalb bloß scheinbaren Verselbstständigungsprozess des Kapitals. Auskunft darüber gibt das Verhältnis von formaler Logik und Tauschverkehr. (…) Als tertium comparationis des Tauschverkehrs fungiert der gesellschaftliche Wert, der als umfangslogischer Begriff, (…) die Klasse aller möglichen Naturalformen, insofern sie nichts als Produkte gleichartiger menschlicher Arbeit sind, unter sich befasst. Der Tauschverkehr vollzieht eine quantitative Identifikation der qualitativ nicht identischen Gebrauchswerte.« (S. 70) Das Hegelsche Denken gibt eine fortgeschrittenere Stufe der bürgerlichen Gesellschaft wieder; Krahl interpretiert ihn als »metaphysischen Denker des Kapitals.« Seine »Philosophie ist die idealistische und metaphysisch verkleidete Form der Produktion« (S. 376).

In den Pariser Manuskripten hatte Marx die ersten Hinweise einer ökonomiekritischen Interpretation der Hegelschen Philosophie gegeben; die Zentralkategorie der »Phänomenologie des Geistes«, die Arbeit als dialektisches Prinzip, reflektiert Marx im <22> Kontext von Smith und Ricardo. Von den Begründern des wissenschaftlichen Sozialismus konnte jedoch eine geschichtsmaterialistische Analyse der philosophischen Begriffe nur am Rande verfolgt werden – im Sinne der notwendigen Kritik an der Bourgeoisie musste die Kritik des falschen Bewusstseins voranstehen; deren materialistisches Recht kam dabei zu kurz. Wie Krahl andeutet, lässt sich Hegel als Philosoph jener Etappe der Entfaltung des Kapitalismus geschichtsmaterialistisch rezipieren, in welcher der Konkurrenzkapitalismus abgelöst wird vom gesellschaftlich vorherrschend werdenden relativen Mehrwert, der Epoche der großen Industrie. Geht man systematisch vor, so repräsentiert Schellings »Prinzip der Produktion« – wenngleich naturalistischer – dieses entwickelte Prinzip der kapitalistischen Geschichte. Hegel vereinigt bereits Tausch und Produktion als Onto-Logik der bourgeoisen Verhältnisse, Kategorie und Negativität, Wert und Arbeit. Eine materialistische Aufarbeitung der theoretischen Prämissen Marxens steht freilich noch aus, sieht man von den seitherigen Versuchen, im Stile Mehrings, Plechanows etc. ab, die eher im Sinne der Aufklärung ans Werk gingen, jedoch nicht sich zu den gesellschaftlich konstituierten Kategorien der Philosophie verhalten konnten wie Marx zu Hegel. Krahl hat trotz der agitatorischen Praxis diese Seite der Aufarbeitung der materialistischen Theorie nicht vernachlässigt, die – nach der politischen Rezeption der Hegelschen Schriften durch Lenin, nach Lukács und Korsch – nur noch Marcuse und Bloch repräsentieren. Diese stehen indessen einer ideologiekritischen Beschäftigung mit dem Stoff näher als einer ökonomiekritischen. Die Kritik der politischen Ökonomie beim Wort genommen heißt auch, die Geschichte der Bourgeoisie insgesamt der Kritik auszusetzen, wie Marx die politische Ökonomie darstellte und hierdurch kritisierte. Der historische Materialismus ist die Theorie der bürgerlichen Gesellschaft und nicht nur – wenngleich diese Primat einnehmen muss – ihrer ökonomischen Theorien, zumal diese mittlerweile zu technizistischen Sozialdaten herabsanken, ohne den ehemaligen Anspruch, in sich aufzunehmen, begreifen zu wollen, was die Welt als sich anarchisch reproduzierende in sich zusammenhält.

Krahl argumentiert zumeist in einer Wende der Marxschen Hegel-Kritik; er trägt Hegelsche Kategorien an Marx heran: »Die materialistische Darstellung der Warenform des Produkts erweist das Verhältnis des Wertes zu seinem Tauschwert als das von Wesen <23> und Erscheinung.« (S. 44) Der geschichtsmaterialistische Ausgangspunkt setzt umgekehrt an; die materialistische Darstellung über Wert und Wertform erklärt das Hegelsche Verhältnis von Wesen und Erscheinung. Krahl lässt die große Philosophie eingehen in die revolutionäre Theorie und verfolgt damit indirekt die Intention, die Marx bis zur selbstbewussten Theorie als »Kritik« vollzog, von der Erkenntnistheorie (Kant) über die Erkenntniskritik (Hegel) zur Revolutionstheorie, zur Theorie umwälzender Praxis; – er geht gleichwohl noch ideologiekritisch-komparativ vor, begreift Marx in der Nachfolge von Kant und Hegel statt diese als Vorfahren von Marx – »Damit steht das Fetischismus- und Verdinglichungsproblem in der Nachfolge der kantischen Vernunftkritik (…)« (S. 49) -, d.h. die daseienden Begriffe der höchsten bürgerlichen Philosophie werden nicht immer aus der Anatomie der weitest entwickelten Reflexion der bürgerlichen Gesellschaftsformation, also der politischen Ökonomie als Theorie mit dem Anspruch erkenntnismäßiger Totalität der sozialen Reproduktionsprozesse, abgeleitet. Der Satz: »In der Lehre von den Naturgesetzen der kapitalistischen Entwicklung erhellt sich (…) die konstitutive Rolle der großen Philosophie für die revolutionäre Theorie« (S. 87), verschiebt den Akzent; vermöge der konstitutiven Rolle von Ware und Kapital für die Philosophie und deren Selbsterkenntnis in der revolutionären Theorie lässt sich erst der Übergang von der Philosophie zur Ökonomie, das heißt zur Kritik derselben als Revolutionstheorie begreifen. Dass Marxens Theorie zu erhellen ist im Rekurs auf Hegel, war allen Marxisten klar; nur wurde die Analyse noch nicht darauf gerichtet, warum dies so ist. Die materialistische Erkenntniskritik hat Erkenntnistheorie- und -kritik noch nicht geschichtsmaterialistisch abgeleitet.

Im Kontext der begriffslogischen Interpretation der kritischen Theorie versteht Krahl die Kategorie der Dialektik: er begreift sie als »Reflexionsstruktur ihres Gegenstandes« (S. 141) und nicht auch als reale, als daseiende, wie sie bei Hegel ontisch vorliegt, wenn auch bürgerlich , also übergleichzeitig. Hinter diesem Dasein der Dialektik liegt jener reale Grund, dass das Kapital als progredierendes Subjekt von einer realen Bewegung konstituiert wird, welche als die daseiende Dialektik von Lohnarbeit und Kapital die Gesellschaft klassenmäßig zweiteilt. Die Dialektik ist folglich Reflexionsstruktur des Gegenstandes – also wie auch Krahl betont: »keine bloße Methode« (S.141) – aber diesem selbst struktiv <24> eingeschrieben. Gewiss hat Krahl somit Recht, wenn er im Anschluss an die Kategorie des Werts bemängelt, Marx habe auf Grund seiner Idealismuskritik Begriffe wie Wert ungenügend abgeleitet (cf. 372); denn der Idealismus selbst ist gleichsam eine bürgerliche Existenzbestimmung auf dem Stande der bürgerlichen Ökonomie, wie Marx Hegel bescheinigt. Folgende Einsicht von Krahl müsste also ökonomiekritisch weitergetrieben werden :«Marx müsste nachweisen, wie diese Abstraktionen reale Organisationsmodi der kapitalistischen Gesellschaftsformation sind. Abstraktionen sind aber nach der herkömmlichen Überlieferung Begriffe. Wenn ich die Begriffe einseitig dem Überbau zuschlage, ist dies aber nicht nachzuweisen.« (S. 372). Bei weiterführender Kritik geht es nicht darum, Marx durch Hegel philosophisch zu logifizieren, sondern die objektiv-bourgeoise Wahrheit Hegels mit Marx darzulegen und hierdurch die Notwendigkeit des Übergangs von der Erkenntniskritik zur Revolutionstheorie, zur Theorie also, die das Selbstbewusstsein des Proletariats, der Ware Arbeitskraft als Klasse, unter dem Aspekt ihrer eigenen notwendigen Negation darstellt. Die »immanente Zerrissenheit des Selbstbewusstseins« bei Hegel muss mithin aus der »antagonistisch konfligierenden Objektivität« (S. 50) erklärt werden; so wie Krahl programmatisch einfügt: »Wenn Kant anmerkt, es könne zum ‘logischen Prädikate (…) alles dienen, was man will, sogar das Subjekt kann von sich selbst prädiziert werden; denn die Logik abstrahiert von allem Inhalte’, so vollzieht sich diese formal logische Abstraktion gesellschaftlich real in der Differenz des Wertes gegen die qualitative Bestimmung der Gebrauchswerte.« (S. 53)

Kämpferische Parteilichkeit, d.h. der Standpunkt des Proletariats, weist den historischen Materialismus als praktische Theorie der Revolution aus; als Theorie weltverändernder Praxis, damit umwälzender Weltveränderung. In der Tat ist der historische Materialismus »die erste selbstbewusste Doktrin in der Geschichte des menschlichen Denkens« (S. 214), eine Theorie also, deren eingreifende Praxis das zu sich gekommene Selbstbewusstsein bislang verborgener geschichtemachender Arbeit darstellt. Die Revolution ist die theoretische Praxis der selbstbewusst die Geschichte einsehenden und anpackenden verproletarisierten Menschen; sie löst ein, was Engels dem historischen Materialismus zuschrieb, Erbe des deutschen Idealismus zu sein: Die <25> Einsicht in die Notwendigkeit der proletarischen Revolution zur Abschaffung von Klassenverhältnissen und des verkümmerten Verkehrs der Menschen untereinander löst als eingreifendes Selbstbewusstsein gesamtgesellschaftlicher Totalität die idealistisch-selbstbewusste Welt (Hegel) der Bourgeoisie ab. Die marxistische »Waffe der Kritik« – nicht nur kritische Reflexionsebene – erheischt somit die proletarische »Kritik der Waffen«. Als noch nicht revolutionär sich umsetzende »ist Kritik das theoretische Leben der Revolution« (S. 286) .

V.

Konnte Marx noch angesichts sich entfaltender Emanzipationskämpfe des Proletariats die Logik des Kapitalismus in dessen ökonomischen Bewegungsgesetzen darstellen – ohne die emanzipatorischen Kämpfe mit diesen immer zu vermitteln -, so unterlag diesem zu denunzierenden Objektivismus die stillschweigende Voraussetzung, dass die Blindheit der lohnarbeitenden Individuen, welche diese an Warenproduktion gekettete Wirklichkeit hervorbringen, sich über klassenkämpferische Vorgefechte um adäquaten Lohn und die Einsicht in dessen Unmöglichkeit verflüchtige; dass sie zum Einblick in den Gesamtprozess von kapitalistischer Produktion gelangen und sich als Subjekt des Prozesses begreifen. Diese sich vor den Augen abspielende Bedingung des Marxschen Werkes, die für sich werdende Klasse, hinterließ freilich in der Darstellung der Anatomie der bürgerlichen Gesellschaft die bedenkenswerten Spuren, dass Marx es nicht für nötig erachtete, die Konstitutionsbedingungen von revolutionärem Bewusstsein, den Willen der Menschen, die sich entmenschlichenden Verhältnisse revolutionär umzuwälzen, neben der Darstellung des kapitalistischen Systems noch gesondert hervorzuheben.

Von der Zeit der Entfaltung der marxistischen Revolutionstheorie über Lenin bis zum Angriff auf den Kapitalismus von seinen Randbezirken hatte sich dessen Erscheinungsweise so geändert, dass der Klassenkampf sich in veränderter Form vorzubereiten hatte. Während bei Marx und Engels die Klassenkämpfe die Welt zum Gedanken hin fortzutreiben schienen, musste Lenin im unterentwickelten, gleichwohl dem monopolisierenden Kapitalismus ausgesetzten Russland den Gedanken erst zum Vollzug vermitteln. »Die landläufige Annahme, Lenin habe das historische <26> Subjekt revolutionärer Veränderung, das Proletariat, umstandslos zum Objekt herabgesetzt, ist unzureichend.« »Lenins Formel, es könne das politische Bewusstsein nur von außen in die Arbeiterklasse getragen werden, bezeichnet die Einsicht, dass es sich nur aus der Erfahrung des Bezuges von ökonomischen und außerökonomischen Gewaltverhältnissen bildet.« (S.156) Lenin hatte – und dies ist ein wichtiger Gedankengang Krahls [als Kritik] an der Kritik, die den »bürgerlichen« Lenin in der Organisationsdebatte gegen die holländischen Marxisten wie Pannekoek und Gorter ausspielt – einen Begriff von Agitation entwickeln müssen, der den russischen Verhältnissen angemessen war, der indessen stets mehr sein musste als bloße Aufklärung über die »Enthüllungen«, wie sie in »Was tun« als Taktik vorgelegt sind. »Zu seinem Begriff der Agitation gehört, dass die Massen aus eigener Erfahrung autonom nachvollziehen, was die Avantgardestrategen ihnen vermitteln: die konkrete Erfahrung abstrakter Herrschaft.« (S. 155) Agitation heißt also für Lenin, die Selbstbefreiung des russischen Proletariats zu forcieren; »die blinde Spontaneität der Bewegung aufzuklären und zur mündigen Autonomie des sich selbst befreienden Proletariats zu vermitteln« (S. 155). Unter modernen Bedingungen des Kampfes ist die Leninsche Enthüllungsstrategie und damit ein konstitutiver Begriff der Avantgarde anachronistisch. Eine »personalisierende Entlarvung abstrakter Herrschaft« hinkt der Erscheinungsform des Kapitals hinterher. »Hinter den Charaktermasken sind die maskierten Gesichter verschwunden, hinter den Funktionären die Personen.« (S. 156) Die Anonymisierung von Herrschaft erheischt, dass »(wir) heute (…) auf die Konstitution von Bewusstseinsgruppen zurückverwiesen (sind), die einmal avantgardestrategische Funktion übernehmen können« (S. 155). Dies freilich soll keinem Intellektualismus das Wort reden; studentische Erkenntnisträger der Revolution waren nur als vorübergehende Agitatoren ausersehen, »die Theorie zur materiellen Gewalt zu vermitteln« (S. 155). »Mit der fortgeschrittenen Integration der Massen, zumal der Arbeiterklasse, durch Potenzierung abstrakter Herrschaft im System expandierender abstrakter Arbeit hat auch der Abstraktionsgrad der Propaganda und Agitation zugenommen. Für solche Abstraktionen sind gegenwärtig Studenten und Schüler aufgeschlossener; da sie eher fähig zu Lern- und Bildungsprozessen, zu Reflexion und Erfahrung, also zur Kritik sind. Der Agitationsmodus konkretisiert sich gleichsam naturwüchsig <27> in dem Maße, da Unterdrückung noch als physischer Zwang erlebt wird (Black Power).« (S. 156)

Allerdings musste mit diesem Ansatz, der monopolkapitalistischen Bedingungen parieren wollte, der Status der studentischen Aktionen einen Avantgardecharakter erhalten, der sich nicht immer mit dem füllte, was Krahl und andere Theoretiker des SDS mit Agitation meinten: die Vermittlung erkenntnishaft auf Grund privilegierter Ausbildung erarbeiteter Einsichten »zur mündigen Autonomie des sich selbst befreienden Proletariats«. Krahls Lenin-Rezeption zeigt indessen, dass es der Theorie um Aufklärungs- und Agitationsarbeit unter gewandelten Bedingungen ging; nicht wurde Lenin blind Übernommen, er wurde innerhalb der Revolutionsgeschichte reflektiert, die heute anderer Kriterien und Kämpfe bedarf. Der Anonymität der Verhältnisse konterten die Agitatoren, indem sie sich nicht blindlings zur Avantgarde als Jugendbewegung aufspreizten. So betont Krahl gegenüber der Position Lenins spontaneitätstheoretische Ansätze bei Marx. »Die erzieherische Funktion der gesellschaftlichen Verhältnisse im revolutionären Kampf ist ein entscheidendes Element bei Marx; die objektiven Verhältnisse in revolutionären Kampfsituationen machen die Unterdrückten erst zur Selbstbefreiung frei (…) im Gegensatz dazu Lenin. Die Ausbildung des Klassenbewusstseins durch die Erfahrung von Unterdrückung und Kampf.« (S. 158)

Gelegentlich Lukács präzisiert Krahl den Klassenbegriff, wie er Lenin zugrunde liegt, als selber bürgerliche Abstraktionsform. Im Leninschen Organisationstyp der Partei als »intelligibler Gesamtpersönlichkeit« soll die »transzendentale Identität von Subjekt und Objekt« gesetzt sein; sie vermittelt sich freilich nur über die Kommandowarte der politischen Führung. Die »transzendentale kommunistische volonté générale ist mithin eine idealistische Fiktion. Die Klasse ist nicht begriffen als ein »realisierter Ausdruck abstrakter Arbeit (des Werts)« d.h. in ihrer formbestimmten Negativität. Der Lukácssche Klassenbegriff reproduziert noch den daseienden Idealismus über abstrakte Arbeit und Tauschwert; die Klasse ist entsinnlicht, die Individuen gehen als konkrete Träger möglichen Klassenbewusstseins nicht in ihn ein: Klassenbewusstsein ist ihnen zugerechnet. Die Klasse ist gleichsam noch kapitalistischer Begriffsrealismus nach Maßgabe des die Gesellschaft umfangslogisch <28> umschließenden Werts als dahinter stehendem Wesen und Subjekt. In den Leninschen und Lukácsschen Klassenbegriff gehen bürgerliche Verdinglichungsimplikate ein, welche den nominalistischen Existenzen der proletarischen Lebensgeschichte, deren Kampf- und Solidaritätsformen, sich überstülpen. Das soll andererseits nicht unterschieben, als seien die solidarisch Kämpfenden schon nicht mehr an die Nabelschnur von Tradition und Herrschaft, an die Negativität der Bourgeoisie, gebunden; dieser Zusammenhang konstituiert mit die negatorische Macht der für sich werdenden Klasse. Marx legt indessen den Akzent auf die sich durch Kampferfahrung verändernden Proletarier – nicht auf die Abstraktion von ihnen – die sich in revolutionärer Praxis zum Verein freier Menschen in freier Assoziation heranbilden, aufbauend auf den Gebrauchswerten kapitalbeherrschter notwendiger Reproduktion über mehrwertschaffende Arbeit, auf Gebrauchswerte proletarischer Sinnlichkeit wie Kooperation, Solidarität, Leid: historische Gegenerfahrung. Der Klassenbegriff müsste derartige Implikationen enthalten, wie Krahl sie dem Klassenbewusstsein zuschreibt: »die tendenzielle Aufhebung der Klasse und die Bildung selbsttätiger Formationen der Bevölkerung« (S. 164). Bei Lukács verselbständigt sich die Klasse nochmals zu triebmetaphysischer Potenz: die Sprengung des Systems ist ihr eingeschrieben. Lukács Begriff der Möglichkeit, den die Kategorie der Klasse revolutionär objektiviert, ist als reale Möglichkeit je Notwendigkeit. Diese Notwendigkeit ist aber nur mit der Logizität des Kapitalverhältnisses verknüpft durch die proletarische umwälzende Praxis.

Aus jener der Logik der Geschichte als Aktualität der Revolution abgewonnenen Konzeption von Klasse und Klassenbewusstsein konnte für die Organisationsfrage – als dem »theorienächsten Element der Praxis« – in den Metropolen ein Moment verdeutlicht werden: dass die sozialistischen Organisationen gezwungen sind, »immer mehr zu Mitteln zu greifen, die allererst wieder herstellen, was Marx und Engels, Lenin und Luxemburg an negativen Gegebenheiten ‘immer schon voraussetzen’ konnten. Die Regression des Geschichtsverlaufs in den Ländern des fortgeschrittenen Kapitalismus ist begleitet von einem Schwund an negativen Gegebenheiten, die in den rückständigen, kolonialen und halbkolonialen Ländern nur zunahmen.« (S. 167f) Regressiv ist die gegenwärtige Geschichte, als die Einsicht in die revolutionären Möglichkeiten, statt evidenter, unklarer geworden <29> ist. In der Organisationsfrage musste die Revolt davon ausgehen, dass die Bedingungen der Erkenntnis der Aktualität erst durch exemplarische Aktionen in den Köpfen der Ausgebeuteten zur Möglichkeit geweckt werden können. Die spezifische Ungleichzeitigkeit des exportierten Kapitalismus in der Dritten Welt und der reellen Subsumtion in den Stammländern des Kapitalismus habe zugleich die Bedingungen der Revolution verschoben, »hat die Möglichkeit regional begrenzter sozialer Revolutionen in den kolonialen Ländern erhöht, die einer den Kapitalismus aufhebenden Praxis im imperialistischen Westen geschmälert.« (S. 168) Die revolutionstheoretische Frage hieß demnach für die sozialistischen Bewegungen in den Metropolen: »Wie verändert sich die Klassenstruktur, wenn die verdinglichten Abstraktionen des Überbaus sich unmittelbar in die Produktion zurückvermitteln?« (S. 165)

Zweifellos hatte diese Frage hinter Marcuses These von der Eindimensionalität der dem Kapital reell subsumierten Menschen gestanden; sie führte ihn zu einer Revolutionsperspektive, welche die Dritte Welt als Randgruppe innerhalb der USA zum revolutionären Subjekt erkor, den Begriff des Proletariats zum Gesamtarbeiter machte und damit zu einem anthropologisierten Menschenbild zurückkam, das den späten Bürger einfing, nicht proletarische Subjektivität. Freilich lag in der These von der Eindimensionalität des Bewusstseins der allseitig Ausgebeuteten auch der Stachel, diese Oberflächentotalität zu hintergehen; allein Marcuse wurde oft als später Bürger reflektiert. Die Revolt konnte »One-Dimensional Man« bereits als zu ihrer Vorgeschichte gehörig zählen. Die von Marcuse limitierte Hoffnung auf außerkapitalistische Erkenntnisträger war durch die Pariser und Berliner Emeuten korrigiert. Die Hoffnung der Revolt lag nicht nur in der Dritten Welt, sie lag allererst in der Konstitution der vereinigten Selbsttätigkeit von Arbeitern und Studenten in den Metropolen. Die Tatsache der »nach Form und Inhalt widersprüchlichen Verfassung ihrer (der Dritten Welt; H.R.) Revolutionen ( nationale und sozialistische Zielsetzung ungleichmäßig synthetisiert) (…) scheint die Möglichkeit konkreter Negation des kapitalistischen Systems durch diesem immanente oppositionelle, subversive und revolutionäre Kräfte eher behindert zu haben.« (S. 168)

<30> Wie bei Lukács, so ist bei Krahl das »Organisationsproblem (…) das der ‘Materialisierung’ der Theorie zum politischen Bewusstsein.« (S. 171) Die Lukacssche Organisationsdiskussion ist noch geprägt vom Leninschen Modell vor der Revolution. Die intelligible Gesamtpersönlichkeit der Partei, welche durch Disziplin sich auszuweisen hat, geht freilich an einem spezifischen materialistischen Implikat der Marxschen Revolutionstheorie vorbei, darauf insistiert Krahl wiederum, »dass der Befreiung allererst die Selbstbefreiung der revolutionären Klasse vorausgehen muss, eine materielle Selbstveränderung, von daher disziplinärer Zwang« (S. 179), nicht durch die vorgeordnete Materialität der Partei. Mithin pocht Krahl auf die »Notwendigkeit des Absterbens der zentralistischen Organisation im revolutionären Kampf – die Umsetzung von zentralistischer Selbstdisziplin in autonome Einzeldisziplin der Genossen.« (S. 179) Krahl versucht Lukács Intention, »die Kritik der politischen Ökonomie (…) auf die Organisationsfrage anzuwenden« (S. 178), selber am gegebenen Stand des Verhältnisses von Politik und Ökonomie zu bestimmen. Lukács Denken lässt sich nur verstehen auf der Ebene der Aktualität der Revolution; ebenso die organisations- und revolutionstheoretischen Überlegungen Krahls. Für ihn ist eine »neue Tatsache« präsent: »die qualitativ neue weltgeschichtliche Aktualität der Revolution« (S. 145). Hiervon hing die Organisationsfrage ab. Gemäß den Überlegungen der Revolt, dass die außerökonomische Zwangsgewalt zu unmittelbar ökonomischer Potenz werde, d.h. der Staat sich gegenüber den Klassen verselbständige, folgert Krahl, durch die »Politisierung der Ökonomie« müsse »die Organisation sich an der Alltagsbasis bilden« (S. 181). Daher galt es revolutionstheoretisch zu untersuchen: »Was heißt Bewusstseinsaufklärung?« Und, nachdem der Traum von einer Sache sich noch nicht hat verwirklichen können, nachdem sich – so die ökonomiekritische Fragestellung der Revolt – Herrschaft der Produktion, der Verwertungsprozess sich scheinbar total dem Arbeitsprozess aufgelastet hat; nachdem die erkenntnistheoretischen Bedingungen der Einsicht von möglicher Freiheit über sinnliche Macht und Ausbeutung einer Anonymität unsinnlicher Zeichen (Aktienkapital) gewichen sind: »Wovon besitzen die Massen noch einen Traum?« Auf dieser Stufe der materialistischen Theorie muss – entgegen der Kaderhierarchie und deren Konstituens konkreter Herrschaft – die allgemeine Bewusstwerdung als Erkenntnis- und Veränderungsprozess in den Vordergrund rücken: » ‘Keiner <31> ohne Funktion!’ als revolutionäres Organisationsprinzip.« (S. 181)

Als der aktive Streik 1968/69 an der Frankfurter Universität den SDS vor die Aufgabe stellte, seine übernommene Avantgarderolle ständig mit der Spontaneität der liberalen Studenten zu vermitteln, seine leitende Funktion dadurch zur politisch-revolutionären zu machen, dass linke Politik sich nur bestimmen könne, wenn die Führungsrolle durch ihre Negation, durch Übergehen der organisierten Theorie und Praxis in das Selbstbewusstsein aller Beteiligten, sich realisiert, ging es um Fragen einer direkten revolutionären Pädagogik als Arbeitsstufe des Protests, um organisierte – autonom organisierte – Aneignung universitärer Ausbildung, Auflösung jener Autoritätsmerkmale, kraft deren der herkömmliche Lernbetrieb sich seine Fortexistenz verdankte. Gegenüber dieser universitären Feudalwelt, wie der organisierten Hierarchie der alten Parteien, grenzte sich die antiautoritäre Bewegung unmissverständlich ab. »Zentralisation und Disziplin bilden die Konstituentien der politischen Identität einer revolutionären Bewegung und deren Organisation auf dem historisch spezifischen Hintergrund einer physisch manifesten und empörenden Unterdrückung, wie sie die zaristische Autokratie den Massen brutal auferlegte.« (S. 192) Die überkommenen Institutionen von Herrschaft, wie sie sich in bürgerlich-parlamentarischer Form vorstellten, kennzeichneten bereits nicht mehr die Zwangsinstanz, die der ursprünglichen Akkumulation des Kapitalismus in Russland entsprach und der Lenins Revolutionstheorie korrespondiert; gleichwohl verkörperten die bürgerlichen Institutionen den über die Ideologie von Freiheit und Gleichheit hygienisch purgierten Machtapparat einer Klasse, der die mündige Organisierung der Arbeitenden, durch deren unbewusste Ausbeutung über den Mehrwert das System sich noch Dauer verschaffte, in jeder Form verhindern musste. Die Opposition bedurfte außerparlamentarischer Formen. »Wenn es primär um die Herausbildung einer emanzipatorischen Selbsttätigkeit antiautoritärer Sensibilität geht, dann ist eine Taktik der Mitarbeit im Parlament und in den Gewerkschaften um des öffentlichen Lebens der Bewegung willen nicht möglich.« (S. 193) Auch Lenin irre, »wenn er den taktischen Spielraum nur auf die Mitarbeit in den reaktionären Gewerkschaften beschränkt und nicht auch diese Mitarbeit selbst in Frage stellt (…), Lenin übersieht, dass im hoch entwickelten Kapitalismus (…) das Koalitionsrecht <32> auch auf die Assoziationen der Arbeiterklasse ausgedehnt wurde (…), um emanzipatorische Bedürfnisse als solche zu ersticken – mit Hilfe der bürokratisierten Organisationsformen des Proletariats (…) so wie die Sozialdemokratie (SPD) zum Träger des autoritären Staates herausgebildet werden musste.« (S. 197f)

Lenins Parteitypus lag eine organisierte Kampfform zugrunde und mithin die Einsicht, dass – soll in der kommunistischen Organisation künftige Freiheit antizipiert werden – »die technische Disziplin in den Fabriken in die praktische Disziplin des solidarischen Verkehrs der Proletarier umgesetzt werden (müsste)« (S. 196). Das Leninsche Konzept ist jedoch gegen »bürgerliche« Reduktionen nicht gefeit. »Die Gefahr der technizistischen Reduktion revolutionärer Praxis droht dem Leninschen Konzept von zwei Seiten: der organisatorischen Umsetzung technischer Fabrikdisziplin in die praktische Disziplin des organisierten Klassenkampfes und der Umsetzung machtkampfstrategischer und kommunikationsstrategischer Ziele, revolutionärer und emanzipatorischer Prinzipien in ein faktisch regulatives Realitätsprinzip erfolgskontrollierten politischen Kampfes.« (S. 196) Lenins Parteikonzept korrespondiert der Stufe der gewaltsamen Kapitalisierung Russlands; Disziplin und Zentralisation sind Kategorien, »die deduziert sind aus dem Naturzustand des Kapitals einerseits und aus der technischen Organisation eines Proletariats in wenn auch schon hochindustrialisiertem Bereich auf dem Hintergrund einer fehlenden Entfaltung des bürgerlichen Tauschverkehrs« (S. 202 f). Wenn bei Lukács auch das emanzipatorische Moment der Antizipation des Reichs der Freiheit in die kommunistische Organisation eingeht, so bleibt doch seiner Diskussion Lenins Übertragung russischer Verhältnisse auf westeuropäische inhärent, das »Unberechtigte einer kompromisslosen antibürokratischen Praxis« (S. 203)

In der Diskussion von Lenins »Staat und Revolution« präzisiert Krahl die Bedenken der Neuen Linken gegen die tradierten Verkehrsformen der bürgerlich-proletarischen Revolution in einem vorbürgerlichen Land. Die unverminderte Geltungsdauer des ontologisierten Parteitypus Leninscher Art »ist umso problematischer, als sein zentralistischer Apparat nach der Revolution unvermindert fortbestand und ohne Bedenken auf die geographisch und geschichtlich unterschiedenen gesellschaftlichen Verhältnisse von der Komintern den revolutionären Bewegungen in anderen <33> Weltteilen appliziert werden sollte. Seine erwiesene Wahrheit verkehrte sich in dem Maße, in dem die besondere Geschichte des autokratischen Russland (…) von seiner organisatorischen Verfassung getrennt wurde.« (S. 182) Lenins Parteimodell kann, als an der Klassenkampfsituation in Russland ermessene organisatorische Materialisierung der Theorie, nicht dogmatisiert werden. Er selbst trug der sich verproletarisierenden und aus den Händen der Berufsrevolutionäre sich lösenden revolutionären Aktionsform der räteverfassten Streiks und Kampfformen bei seiner Rückkunft in den Aprilthesen Rechnung; freilich perpetuierten sich die vorrevolutionären Formen des Kampfes als parteifixierte auch auf die nachrevolutionäre gesellschaftliche Organisation und pressten die Selbsttätigkeit der proletarischen Kampferfahrung in die apparatliche Initiative vorrevolutionärer, clandestin organisierter Disziplin. Dass das Proletariat sich – wie Marx insistiert hatte – vermöge seiner Kämpfe zum Ziel der Assoziation der freien Individuen permanent wird verändern müssen, wie es seine Wirklichkeit umwälzt, verblasste zum Dekret.

Die Revolt musste ihr Selbstverständnis von der Konstitution neuer Sinnlichkeit als kämpferische Bedingung für Freiheit in der Alltagspraxis aufspüren. »Die Abstraktion von der Geschichte, als deren emanzipatorische Vernunft, und der Gesellschaft, als deren objektiviertes Klassenbewusstsein der Ausgebeuteten er (sc. der Leninsche Parteitypus, H.R.) historisch entstanden war, eliminierte in seiner disziplinär zentralisierten Arbeitsteilung den solidarischen Verkehr der Genossen, durch den sich eine kommunistische Organisation von solchen bürgerlicher Art unterscheidet, und der allein die durch den Kampf gegen das bestehende System vervielfachten Bedingungen des Zwanges erträglich macht.« (S. 182)

Krahl hat die Organisationsdebatte wieder in den – rätedemokratischen – Kontext des kommunistischen Verkehrs – »herrschaftsfreier Kommunikation« (S. 28) – gestellt; Vorbild sind nicht die orthodoxen Parteien in den Metropolen, sondern die neuen Kampfformen in den Extremitäten: »Die Orientierung an der Gegenwart der Revolution in der Dritten Welt bietet also für uns die Möglichkeit, eine politische Moral der Kompromisslosigkeit herauszubilden, die ein Ansatz zur Bildung selbständiger Organisatitionsformen der Bevölkerung sein kann. Sie ist die Grundlage, um einen der gegenwärtigen Machtstruktur des Staates geschichtlich <34> angemessenen Organisationstypus herauszubilden, der auf der Grundlage autonomer Initiativgruppen in den Hochschulen und Betrieben beruht.« (S. 147) Zugleich versuchte Krahl – nach Lukács -, die Organisationsfrage mittels der Kritik der politischen Ökonomie zu diskutieren, gemäß dem Stand der dem Kapital subsumierten Arbeit. »Die Antizipation der befreiten Gesellschaft in den Organisationsformen des politischen Kampfes ist immer eine historisch bestimmte Vermittlung von Freiheit und Zwang. Diese Vermittlung erfolgt (…) aus den geschichtlichen Form- und Realisierungsbestimmungen der wertsubstantiellen arbeitsteiligen Verkehrsbasis.« (S. 306)

VI.

Als »strategisch gesicherte Konsequenzen« galten für Krahl – und darauf hätte eine Theorie aufzubauen, die ansetzend an der vorliegend höchsten begrifflichen Entfaltung, an der Marxschen Theorie, »diese Gesellschaft«, wie Krahl immer wieder betont, »unter dem Aspekt ihrer Veränderbarkeit beschreibt« (S. 243) – »eine neue weltgeschichtliche Konstellation« der internationalen Einheit des Protests in deren Identifikation mit den Befreiungsbewegungen in der Dritten Welt. Hierdurch konnte sich die Protestbewegung »von der längst verbürgerlichten, von jedem revolutionären Anspruch verlassenen Realpolitik der Sowjetunion« distanzieren und sich eine von Che Guevara verkörperte revolutionäre Politik zum Maß setzen. Die Sinnlichkeitsdimension  des revolutionären Kampfes gegen den Primat direkter Herrschaft in der Dritten Welt gewann damit zugleich Gewicht, führte aber zu Abstraktionsformen. Der Staat könne Ansätze politischer Selbsttätigkeit nicht dulden, er führe mithin einen präventiven Machtkampf gegen die Autonomisierung der Interessen der Bevölkerung. Es erhellt, wie sehr noch – in der Tradition der Frankfurter Schule – der »Staat« als autoritärer sich zum abgehobenen Phänomen der bürgerlichen Welt verfestigt. Die Verkörperlichung des Adressaten des Kampfes im Staat korrespondiert objektiv einer Revoltbewegung, welche die Bedingungen einer revolutionären Theorie und des Klassenkampfes noch nicht erkämpft hat. Der »Aktionsform des provokativen Protests«, der die Reprise der kritischen Theorie sich verdankt, sollte die des aktiven Widerstandes folgen.

Krahl war freilich alles andere als ein Apologet rigider <35> Strategie- und Praxisformen. Krahl ging nicht hinter die Überlegung der »unter gegenwärtigen Bedingungen notwendigen Kontingenz der Praxis« (S. 250) zurück. Dies ist aber der Theorie und den Aktionsformen nicht liquidatorisch anzulasten; »unsere Praxis (befindet) sich selbst noch auf einem relativ hohen und armen Abstraktionsniveau (…) solange sie ihre klassentheoretische Konkretisierung noch nicht erfahren hat« (S. 250). Bezeichnend für die Diskussionsebene von Krahl im Zusammenhang mit der Tradition des westlichen Marxismus, andererseits mit Marcuse und Bloch, ist die Forderung der Deduktionsmöglichkeit dessen, was konkrete Utopie zu bedeuten hat. Krahl beruft sich dabei richtig auf die Naturgeschichte der bürgerlichen Ökonomie, wie sie von Marx und Engels geliefert wurde. Aktienkapitalgesellschaften und das Maschinensystem als capital fixe bilden den logischen Ausgangspunkt der Marxschen Debatte. Damit ist die Möglichkeit, in höhere Organisationsmodelle der Geschichte überzugehen, gegeben und konkrete Utopie möglich. Die zeitgenössische revolutionäre Kritik wäre mithin an der objektiven Bedingung der Revolution über Aktienkapital und capital fixe als Maschinensystem, reelle Subsumtion, festzumachen; d.h. an der objektiven Vergesellschaftung der Produktion in bürgerlichen Fesseln, oder der Übergangsgesellschaft auf noch kapitalistischem Boden.

Am Verhältnis von Produktion und Klassenkampf – zwei Begriffe, die Geltung gewinnen als Prinzipien von Geschichte erst rein im Kapitalismus – entwickelt Krahl drei Fragestellungen zur »Konstruktion einer Theorie der Revolution unter hochverschleierten kapitalistischen Herrschaftsverhältnissen« (S. 386):   1. Das Verhältnis von bürgerlicher und proletarischer Revolution in der Lehre von Marx;  2. Das Verhältnis von gesellschaftlichem Sein und Bewusstsein, oder die Identifikation von ökonomischen Kategorien mit praktischen gesellschaftlichen Existenzbestimmungen;  3. Die Dialektik der Arbeit; Arbeit nicht nur als »kapitalverwertendes Unglück (…) sondern auch als kapitalnegatorische Produktivkraft der Emanzipation (…). D.h. ist es Marx gelungen, die Emanzipationskraft der Arbeit in systemkritischer Form in die Kritik der politischen Ökonomie metakritisch zu integrieren und so ein Vermittlungsglied zu entfalten zur Konstitution des Klassenkampfes, der revolutionären Subjektivität des organisierten Proletariats?« (S. 387 f)

Die letzte Frage zielt ab auf die systematische Entfaltung des <36> Begriffs von konkreter Utopie. Einerseits sind Fortschritt und Geschichte – namentlich in der dem Kapital subsumierten Arbeit, im Verwertungsprozess – nur über die Arbeit der Gattung denkbar; historisch haben die arbeitenden Menschen bislang zugleich die Mittel ihrer Unterdrückung produziert und nur arbeiten können innerhalb geschichtlich wechselnder Formen von Herrschaft. Andererseits produzieren die Menschen im Stoffwechsel mit der Natur und die Menschen untereinander die Potenzen einer höheren Entfaltung der Menschengattung, sie entwickeln Sprache, Kooperationsformen und schließlich Kampfformen gegen Unterdrückung. Bereits in der kapitalbestimmten Arbeit, dem Verwertungsprozess, dem Vernutzen der Ware Arbeitskraft in der Schöpfung von Mehrwert, steckt die subversive Seite, dass die kapitalistisch notwendige permanente Forcierung der Produktivität der Arbeit nur sich reproduzieren und steigern kann, wenn sich die Intensität der Gebrauchswertseite der Arbeit – der proletarischen also, nicht die Arbeit als Gebrauchswert für das Kapital -, die Subjektivität der kooperierenden Individuen verändert, um jenen Prozess zu ermöglichen. Die Forcierung der kapitalistischen Arbeitsintensität entfaltet mithin kapitalnegatorische Qualitäten, historische Gegenerfahrung gegen die reibungslose Akkumulation des Kapitals, als Gebrauchswert des Proletariats, als nicht-identisches Moment der Ware Arbeitskraft. Zu gleich steckt aber noch eine geschichtsphilosophische Dimension in jener Emanzipationskraft der Arbeit, die Krahl zu Felde führt und die in der Geschichte des Proletariats zu seiner Befreiung eine nur unmerkliche Rolle spielt – in der Tat hatte die Arbeiterbewegung zumeist selber vergessen, dass die Arbeit existiert, damit sie verschwinde. Im Begriff der Arbeit ist als konstitutiv-utopisches Moment die Subjekt-Objekt-Dialektik der dritten Feuerbach-These: Soll Freiheit Platz haben, so kann kein noch fremdes Objekt der sich entfaltenden Subjektivität gegenüberstehen: Fremdheit auch der Arbeit muss aufgehoben sein.

Marxens lapidare Formulierung gegen den kleinbürgerlichen Utopismus, Arbeit könne nicht, wie Fourier gefordert hat, Spiel werden, gilt es revolutionär aufzuheben. Arbeit als Arbeitsprozess, wie er alle Geschichte als Stoffwechsel des Menschen mit – auch einer befreiten – Natur konstituiert, wird zwar auch im Zustande der Freiheit materialistisches Prinzip sein, freilich jenem zu sich gekommenen idealistischen unterstellt, das die <37> Kümmerlichkeit des – bürgerlich – daseienden Materialismus vom Primat des gesellschaftlichen Seins über das Bewusstsein im endlichen Vollzug von Geschichte: in der freien Verwaltung der solidarisch vereinten Menschen über Sachen (und mit Natur) aufgehoben hat. Eine den Zustand der Aufhebung des Kapitalismus angesichts seiner logisch erreichten Endphase – Aktiengesellschaften, subsumierte Maschinenwelt und Wissenschaft – begreifende Revolutionstheorie muss mithin, mehr als Marx pointierte[7], Arbeit von ihrer Gebrauchswertseite für das Proletariat herausstellen.

Die Revolt war – eine Bewegung gleichsam reiner Subjektivität – nicht mehr bürgerlich-legitimatorisch und noch nicht von der Objektivität der gesamten daseienden Klasse des Proletariats getragen; sie war noch nicht mit dem Proletariat zur Klasse für sich verbunden. Entgegen den Defensivstrategien der revisionistischen Linksparteien setzte sie den Akzent auf Kampf, obwohl die allgemeinen Bedingungen noch nicht reif zu sein schienen – die nach einem Wort von Rosa Luxemburg auch nie reif sein werden, denn die Revolution kommt immer zu früh. Diese objektive Resurrektion der Kategorie der Subjektivität verband die Revolt mit dem »westlichen Marxismus«, mit dessen Insistenz auf revolutionärer Subjektivität zu der Zeit, als die junge Sowjetunion die Aktualität der Revolution durch den Aufbau in einem Lande zur nationalen statt internationalen Sache machte. »Den Primat von Kategorien des Klassenbewusstseins und der Emanzipation, der dem Stand der produktiven Arbeit und der kulturellen Bedürfnisstruktur in den hochindustrialisierten Kapitalmetropolen angemessen ist, haben die philosophischen Theoretiker des ‘westlichen Marxismus’ artikuliert.« (S. 349) Die russischen Theoretiker nach Lenin totalisierten die Revolution zur ontologischen Aktualität in sowjetrussischer Münze. Lukács verfocht die Aktualität der Revolution weiter zum Prinzip reiner Subjektivität: seine Kategorie des Klassenbewusstseins war der metaphysische Ausdruck dieser Aktualität. Gleichwohl hielt Lukács damit das subjektive Prinzip gegen dessen Objektivismus; dies beinhaltete eine revolutionäre Kritik an der »verschütteten emanzipativen Subjektivitätsdimension des Marxismus« der 2. Internationale (S. 200). Der West-Marxismus nahm als Subjektivitätskategorie – gegen die auf einen nationalen Anspruch reduzierte umwälzende Praxis – Bewusstseinskategorien in die Theorie wieder auf, d.h. eine Seite der Marxschen Theorie, die zur Zeit der <38> Entfaltung der Kritik der politischen Ökonomie durch die praktischen Kämpfe des Proletariats vorgegeben war – jedenfalls rückte während der Zeit der praktischen Arbeit von Marx und Engels die Welt in Gestalt des organisierten Proletariats immer noch zum Gedanken, bis dieser nach dem großen Oktober begriffsrealistisch sich über die Welt spannte. Den West-Marxismus kennzeichnen mithin Fragen der Konstitution von Klassenbewusstsein, Subjektivitätskategorien, welche die russischen Verhältnisse vorschnell dem objektiven Prozess zurückgegeben hatten. Herbert Marcuse und Ernst Bloch waren die konsequenten Theoretiker der noch nicht gesetzten Revolution, obwohl dieser die Subjektivitätsdimension des Prinzips Hoffnung angesichts der isolierten Sowjetunion als Kampfbegriff gegen den Faschismus erneut ontologisieren musste und jener sie existentialphilosophisch aufbereitete. Die Theorie der Revolt ging zurück zur Konstitution der Theorie der Revolution nach dem Oktober, zu Lukács und Korsch. Dies hieß zugleich materialistische Reflexion auf eine Seite der Theorie, die auch Lukács vermöge der an sich seienden Revolution vernachlässigte, – wie Marx kaum ein Augenmerk richtete auf die Konstitutionsbedingungen von Klassenbewusstsein beim sozialdemokratischen Parteimitglied; »Es fehlt die historische Reflexion auf jene empirischen Momente der Gebrauchswerte, Bedürfnisse und Interessen, die im Doppelcharakter von Ware und Kapital die durch die Allgemeinheit abstrakter Arbeit unterdrückte und an ihrer Entfaltung gehinderte Individualität darstellen (…)« (S. 337).

Für Lukács und die kommunistische Bewegung nach der Oktoberrevolution war Subjektivität eine Kategorie, die das Klassenbewusstsein je vorgab, und dies war durch die Realität der Bewegung gesetzt. Dass freilich die objektiv nach links drängende Realität nicht mit dem Bewusstseinsstand des Proletariats immer einherging, zeigte schließlich der Faschismus; Reichs Begriff der »Schere« wollte dieses Auseinanderklaffen von Ökonomie und Bewusstsein charakterisieren. Wilhelm Reich erhob die Frage, warum die Massen gegen ihre eigenen Interessen handelten, und benahm – gegen die kommunistischen Parteien gerichtet – der Lukácsschen Fragestellung ihre Ontologisierung des proletarischen Bewusstseins als Metaphysizierung der Aktualität der Oktoberrevolution. Die Praxis des subjektiven Faktors hätte die Partei den Idealisten überlassen, die Kommunisten seien zu mechanischen <39> und ökonomistischen Materialisten geworden.

An dieses – »idealistische« – Erbe innerhalb des Linksmarxismus knüpfte die Resurrektion der Theorie wieder an. Erkenntnisgegenstand wurden die »Emanzipationsbedürfnisse der lohnabhängigen Massen«, wobei – zur Fragestellung Reichs – die Schere sich verkehrt hatte; die seinerzeit »linke« ökonomische Realität hatte sich gleichsam nach rechts quiesziert, dennoch war die Subjektivitätsdimension nicht in Akkomodation aufgegangen. Auszugehen war von der Erkenntnis, »dass auf der einen Seite Bedürfnisse heute so hochzivilisiert befriedigt werden können und gleichwohl die Massen an das Elend der materiellen Arbeit, der materiellen Existenzsicherung fixiert bleiben, obwohl das Reich der Freiheit, das jenseits der materiellen Bedürfnisbefriedigung Marx zufolge liegt, längst möglich geworden ist (…)« (S. 317)

Die »konkrete Bedürfnisstruktur der Massen zu erkennen und mögliche emanzipative Bedürfnisse zu formulieren« (S. 316 f), war mithin Agitations- und Untersuchungsziel einer Theorie der Revolution im Spätkapitalismus. Dies hieß vor allem für die Aktionsformen, die materielle Aufklärung sein sollten, von den abstrakten Bürgerrechtsappellen aus der Zeit der Anti-Notstandskampagnen wegzukommen. »Ein Stein zur rechten Zeit im richtigen Fenster kann Aufklärung leisten« (S. 320), doch müssen diese Aktionen mit der Bedürfnisstruktur der »industrieproletarischen Massen« vermittelt werden können. Indes konnte nicht mehr an einer – zumindest links organisierten – Interessenartikulation angesetzt werden, die durch Parteien vorbestimmt war; dann hatten sich die manifesten ökonomischen Interessen spiritualisiert und an andere Warenkörper geheftet denn an jene der unmittelbaren Reproduktion für die Ware Arbeitskraft. »Die Bedürfnisse, auf die sich der Versuch revolutionärer Aufklärung richten müsste, sind immaterieller geworden in dem Maße, in dem das Reich der Freiheit möglich geworden ist.« (S. 339)

Die durch den Spätkapitalismus produzierten Bedingungen von Freiheit können sich in kapitalistischer Hand nicht freisetzen; im Gegenteil, das monopolisierte Kapital bedarf noch der Hand des Staates, um die Möglichkeiten für Befreiung in solche neuer Unterdrückung umzumünzen. Kennzeichnend hierfür war die Auflösung der »gesellschaftslegitimierenden Kraft der Zirkulationssphäre«, die den liberalen Rechtsstaat begründete; hiergegen richteten sich die Anfänge des Protests, der mithin keineswegs <40> sozialistisch war, sondern antiautoritär im Sinne des Protests gegen den Verlust bürgerlicher Vernunft, wie sie sich an der Zirkulationsebene, am herrschaftsfreien Markt konstituiert hatte. Die Aufgabe des SDS bestand darin, dieser Bürgerrechtsbewegung ein antikapitalistisches und schließlich sozialistisches Selbstverständnis zu vermitteln, wobei freilich im SDS selbst noch Ideologien einer Intellektuellenbewegung herumspukten, die aus dem »Begriff des warenproduzierenden Kleinbürgers« (S. 331) rekurrierten, und die schließlich in jakobinischem Moralismus die an den Bedingungen des Spätkapitalismus gewonnenen Emanzipationskategorien der »sektiererischen Übernahme zentralistischer und disziplinärer Oganisationsmodelle« (S. 338) opferten. »Die notwendige Hinwendung der Studentenbewegung zum Proletariat drohte mit dem Versuch, die Revolution mit den überlieferten Kategorien des Klassenkampfes zu artikulieren, zugleich die Prinzipien der revolutionären Emanzipation zu ersticken .« (S. 301 f)

Emanzipationskategorien, welche die Möglichkeit der Befreiung in den sozialistischen Kampf hineintragen und nicht kaderhaft vorausschicken sollten, hatten sich sowohl aus der Alltagspraxis des Proletariats zu konstituieren wie am Vorhandensein des etablierten Sozialismus. Der Alltagspraxis des Proletariats galt es durch die Untersuchungsarbeit – die als revolutionäre immer Agitation und Aktion einschließt – Emanzipationsbegriffe negativ am Verlust revolutionären Erbes, am verdinglichten Bewusstsein zu kontrastieren; aus der Gebrauchswertdimension galt es Emanzipationskategorien zu gewinnen, die das Proletariat sich nach Marx durch den Produktionsprozess als subjektive Konstitutionsbedingungen für Klassenbewusstsein in konkreter Arbeit aneignet: Kooperation, Kommunikation, Solidarität. »Eine Agitation des Proletariats, die nicht das geschichtslose Lebensschicksal der Massen thematisiert, kann den Zusammenhang von gesellschaftlicher Produktion und Spontaneität im Bewusstsein der Massen nicht rekonstruieren und emanzipative Bedürfnisse nach einem glücklichen Leben weder freilegen noch zu einem politischen Totalitätsbewusstsein vermitteln.« (S. 340) Aufklärende Praxis, der »Standpunkt des Proletariats« hieß somit, »eine praktische Periode revolutionärer Aufklärung zu entfalten, in welcher der gesellschaftliche Reichtum und die gesellschaftlich mögliche Kultur als unter dem Aspekt der Aneignung durch die Produzenten dargestellt wird.« Es erhellt, dass Krahl nicht einem flachen Proletarianismus <41> verfällt und die historische Vorhandenheit des Proletariats der Revolution zuordnet, anders als Lukács, der – allerdings unter dem Gesichtspunkt der Aktualität der Oktober-Revolution umstandsloser vorgehen konnte. Gewicht erhält die Kategorie der Produktion als geschichtsphilosophischer Emanzipationsbegriff, wie Marx ihn in der »Deutschen Ideologie« entwickelte. Im Begriff der Produktion steckt, dass die Menschen die Geschichte selber machen, dass sie im Stoffwechsel mit der Natur und in Arbeitsteilung und Kooperation untereinander ihre Gattungskräfte gewinnen, um schließlich Herren zu werden über ihre Produktion, d.h. Herrschaft abschaffen und sich zu solidarischem Verkehr befähigen. Krahl hebt diese »metaökonömische Seite des materialistischen Produktionsbegriffs« (S. 337) hervor. Zwar impliziert der Begriff gemäß der Entfaltung der Produktivkräfte und Produktionsverhältnisse Arbeitsteilung und an diese gebundene Herrschaft, doch ist dies Teil des über unbefreite Geschichte vermittelten synthetischen Urteils der Produktion; konstitutiv für den Begriff ist die Selbstreproduktion der Gattung, mithin Selbsttätigkeit; Bedürfnisse werden befriedigt und auf erweiterter Stufenleiter produziert. Krahl nennt diese vorkritische Instanz »Konsumtionsbewusstsein« als »das Bestimmungsmoment spontaner und emanzipativer Produktivität«.

Lukács hatte in der Vorrede zu der Neuauflage von »Geschichte und Klassenbewusstsein« ähnlich argumentiert – was freilich folgerichtig ist, denn die Kategorie der Totalität, eine Kardinalkategorie von »Geschichte und Klassenbewusstsein«, ist selbst ein Produktionsbegriff; Lukács’ Thematik, der er seine Lebensarbeit widmete, blieb es, den philosophischen Zusammenhang von Ökonomie und Dialektik zu ergründen. Lukács merkt selbstkritisch an, ein Subjektivismus überwiege in seinem Buche, trotz der historisch-materialistischen Darstellungsweise; so falle der Begriff der Arbeit als Vermittler des Stoffwechsels zwischen Gesellschaft und Natur aus den Überlegungen heraus. »Der große Gedanke von Marx, dass sogar die ‘Produktion um der Produktion halber nichts heißt, als Entwicklung der menschlichen Natur als Selbstzweck’, liegt außerhalb des Bereichs, den ‘Geschichte und Klassenbewusstsein’ zu betrachten imstande ist. Die kapitalistische Ausbeutung verliert diese ihre objektiv revolutionäre Seite (…)« [8]

<42> Ihr galt Krahls Augenmerk. »Produktion als (…) auf den Fortschritt und die Befreiung der Bedürfnisse gerichtete und autonome Lebenstätigkeit ermöglichende, steht in einem unauflöslichen Zusammenhang zur politischen Spontaneität.« (S. 338) Produktion ist also »Prinzip von Geschichte« (S. 386), und damit – zumindest für die kapitalistisch beherrschte – schließt der Begriff Klassenkämpfe, die klassenmäßige Subjektivitätsdimension ein, die der Emanzipation zugrunde liegt und im Aktus ihrer Herstellung als praktische Negation der bürgerlichen Formbestimmung von Geschichte die positiven Momente künftiger Freiheit erarbeitet und erkämpft. »Emanzipation (…) will, dass die Individuen die industriellen Produktionsmittel organisieren, um miteinander glücklich verkehren zu können. Der verkürzte Emanzipationsbegriff« – und dies bezeichnet die Richtung der zweiten Seite der Kritik »zielt nur auf ein verändertes Eigentumsverhältnis der Menschen zu den dinglichen Produktionsmitteln, nicht aber auf ein verändertes Verkehrsverhältnis der geschichtlichen Individuen untereinander.« (S. 300) Emanzipation impliziert auch »die bestimmte Negation des sowjetmarxistisch entstellten Begriffs vom Sozialismus, der diesen an das Bild technologisch reibungslos funktionierender und staatlich kontrollbefugt geplanter sowie bürokratisch rationalisierter Produktion festmachte.« (S. 299)

Die Isoliertheit der Revolt von der Produktion, der die revolutionäre Kritik abzugewinnen war, verkörperte die Bewegung in einen Subjektivismus, der die theoretischen Einsichten nicht in eine revolutionäre Organisationsform umsetzen ließ; die revolutionäre Kompromißlosigkeit, die Che Guevara zum Vorbild machte, war Ausdruck des notwendigen revolutionären Idealismus, – so dass auf der einen Seite betont werden musste, »wir sind keine revolutionären Schwärmer« (S. 148), und auf der anderen das Elend des noch nicht materialisierten Idealismus aufzudecken war, jener Zustand, dass »die Praxis selbst (…) die Träger eines subversiven Bewusstseins zu Utopisten (abstrahiert).« (S. 166) Dies hatte zur Folge, dass die »antiautoritäre Emanzipationsvernunft« (S. 305) sich um den Preis ihrer Selbstaufgabe vorerst nur kleinbürgerlich sektiererisch organisieren konnte. »Wenn es also stimmt, dass das antiautoritäre Bewusstsein von den kapitalistischen Kategorien antiquiert liberaler und modern technologisierter Verkehrsformen heraus in den Naturzustand kleinbürgerlicher Sozialisationsfeindschaft übergehen musste, dann gibt es so etwas wie eine im Marxschen Sinne dieses Begriffs naturgesetzliche <43> Tendenz zur Selbstzerstörung der (antiautoritären Emanzipationsvernunft.« (S. 305)

Krahl kritisierte an der Marxschen Theorie der Revolution, sie projiziere »die Verlaufsform bürgerlicher Revolutionen auf die Verlaufsform proletarischer Revolutionen« (S. 391), er »apriorisierte« die Dialektik von bürgerlicher und proletarischer Revolution (S. 390), und das Klassenbewusstsein setze sich bei Marx »als naturwüchsige Spontaneität hinter dem Rücken und über die Köpfe der Proletarier hinweg durch. Klassenbewusstsein bildet sich gleichsam nach der metaphysischen Logik: des Weltgeistes.« (S. 390)

Offensichtlich gehen in diese Metaphysizierung der »praktischkritischen Tätigkeit« (Marx) zu einer hegelschen Logik der Geschichte noch Vorstellungen der kritischen Theorie ein, wie sie sich diese in ihrer nekrologischen Gestalt (Habermas, Wellmer) abmüßigte. Weniger eine Kritik an Marx könnten diese Sätze belegen, als die Akzentuierung der Konstitutionsproblematik im Anschluß an Marx und Lenin. Angesichts des weltweiten Anwachsens der sozialistischen Bewegung war es Marxens wichtigste Aufgabe, die bürgerliche politische Ökonomie kritisch darzustellen, um dadurch die ökonomische Möglichkeit der Revolution zu skizzieren. Die Kritik der politischen Ökonomie zeigt zwar den Kapitalismus als historisches Phänomen; genauer: aus dem Aspekt seiner revolutionären Aufhebbarkeit. Diese »Kritik« liefert freilich noch nicht die Konstitutionsbedingungen von Subjektivität mit, welche die praktische Negation wird durchführen müssen. Der Ökonomismus des »Kapital« ist der naturhafte Objektivismus der kapitalistischen Verlaufsform der Gesellschaft, bis die Arbeiter »gegen die Schlange ihrer Qualen (…) ihre Köpfe zusammenrotten« [9] und die Stunde des kapitalistischen Privateigentums schlagen lassen, die Expropriateure expropriieren und die »Negation der Negation« [10] praktisch vollziehen. Wie diese Praxis auszusehen hat, kann der »kritische Kommunismus« (Engels) nicht in utopistische Konzepte einsperren. Krahls Kritik müsste mithin eher den marxistischen Parteien nach der Oktober-Revolution als Marx selbst gelten. Marx hatte sich sogar in Zeiten des illegalen sozialdemokratischen Kampfes gegen geheime Gruppenbildungen ausgesprochen und kritisiert diese in einer Weise, die auch Krahls Intention bezeichnet, obwohl eine Stufe <44> illegalen Kampfes während der Revolt noch nicht erforderlich war. Gegen kadristische Zirkelwirtschaft hebt Marx die kommunistische Verkehrsform der solidarischen Kommunikation ab, die noch Instanz zu sein hat in der Ausbildung des Proletariats zur Klasse für sich. »Im übrigen steht dieser Organisationstypus (der geheimen Gruppen, H.R.) im Widerspruch zu der proletarischen Bewegung, weil diese Gesellschaften, statt die Arbeiter zu erziehen, sie autoritären und mystischen Gesetzen unterwerfen, die ihre Selbständigkeit behindern und ihr Bewusstsein in eine falsche Richtung lenken.« [11] Gleichwohl unterstreicht Krahls Entwurf, dass die organisatorische Vermittlung von Theorie und Praxis – »Unsere Demokratie ist direkt und unmittelbar« (S. 153) – nicht auf angestammte Errungenschaften der revolutionären Arbeiterbewegung zurückgreifen kann, vielmehr die Bedingungen von revolutionärer Subjektivität nach je neuen historisch-ökonomischen Bedingungen wird bestimmen müssen. Dies ist nicht auf kleinbürgerliche Verfallsformen der Bewegung gemünzt. Eine politische Intellektuellenbewegung muss sich auflösen, will sie nicht Formen bürgerlichen Verkehrs sich inkorporieren. »Eine politische Intellektuellenbewegung muss Momente kleinbürgerlicher Asozialität entfalten, wenn sie aus bürgerlichen Verkehrsformen sich löst, nicht in eine proletarische Organisation sich integrieren und sich gleichwohl als eigenständige Klasse nicht setzen kann.« (S. 304) Zudem kann eine politische Intellektuellenbewegung nicht leisten, was die Arbeit einer revolutionären Klasse sein wird. Mithin gesteht Krahl zu: »Dieses Problem ist völlig ungelöst.« (S. 256) Prämisse der spätkapitalistischen Kämpfe bleibt allerdings: »Je überflüssiger Arbeit wird, umso herrschaftsfreiere Organisationsstrukturen muss die revolutionäre Bewegung annehmen.« (S. 196f)

Von der studentisch-kleinbürgerlichen Basis des antiautoritären Emanzipationsinteresses läßt sich die Organisationsfrage weniger in Kategorien herkömmlicher Notwendigkeiten proletarisch -kämpferischer Vereine und Parteien darstellen – die den Zwang des Arbeitstages in der Organisation wiederholen mussten, um kampffähig zu bleiben – als über die Möglichkeit der Einsicht in die »historische Notwendigkeit der Revolution« (S. 314), an der sich längerfristige Agitationstätigkeit bemessen könnte.

<45> Dieses revolutionäre Bewusstsein kam jenem Teil der Bewegung nicht zu, der es beim antiautoritären Protest beließ und schließlich in die herkömmlichen Formen kleinbürgerlichen Individualprotests zu »liebesschwüligem Gemütstau« (Marx) retardierte, der als »wahrer Sozialismus« zu Marxens Tagen noch komödiantenhafte Züge aufwies, heute aber zur Farce geworden ist. Bei Lukács reflektiert die Organisationsform Freiheit nur in der Weise äußerster selbstauferlegter Disziplin; der Kommunismus als herrschaftsfreier Verkehr der Genossen war gesetzt vermöge der Organisation, Disziplin nach Maßstäben der calvinistischen Ethik bildete umfangslogisch die Einschränkung der kommunistischen Kommunikation, solange die Revolution noch westwärts ziehen musste. Die Organisation gewann so die Züge einer bürgerlichen Gelehrtenrepublik, in der Kantische Prinzipien der Sittlichkeit rätehaft organisierte Proletarier mit der Leninschen Avantgarde vermittelten. Spezifische Formen des revolutionären Kampfes wurden somit hypostasiert, die Organisation wurde »zur transzendentalen Form der Vermittlung von Theorie und Praxis« (S. 344). Der kommunistische Verkehr der Individuen konnte nur als abgehobene Logik die Praxis begleiten; die Entfaltung einer emanzipatorischen Sinnlichkeit, einer kommunistischen Bedürfniswelt musste verschoben werden auf den Tag der erfolgten Umwälzung.

Gewiss müssen sich Bedürfnisse und freier Verkehr in andrer Form zu Zeiten jener revolutionären Kämpfe darstellen, welche die bürgerliche Revolution zugleich besorgen müssen und damit auf politische Mittel der ursprünglichen Akkumulation zurückgeworfen sind. Die ersten Versuche des Proletariats, »in der Periode des Umsturzes der feudalen Gesellschaft direkt sein eignes Klasseninteresse durchzusetzen, scheiterten notwendig an der unentwickelten Gestalt des Proletariats selbst wie an dem Mangel der materiellen Bedingungen seiner Befreiung, die eben erst das Produkt der bürgerlichen Epoche sind.«[12] Im Selbstverständnis der Protestbewegung hatten sich die materiellen Bedingungen der bürgerlichen Epoche hinlänglich entwickelt, die Aktualität der Revolution war nicht nur eine politische – wie bei Lenin -, sie war begründet in den ökonomischen Produkten der Bourgeoisie.

<46> Damit konnte der kommunistische Vorschein, die Entfaltung des freien Verkehrs der Individuen in und vermittels des Kampfes wieder zu einer Bedingung der Revolution werden. »Eine neue organisatorische Qualität kann nur erreicht werden, wenn sich die Bewegung massenhaft und kollektiv auf eine neue Reflexionsstufe hebt und Agitation und Propaganda inhaltlich verändert im Hinblick auf eine Theoriebildung, die abstrakte Totalitätskategorien immanent mit Begriffen der Bedürfnisbefriedigung verbindet.« (S. 345). Eine »Organisation des Widerstandes« (S. 153) muss ständig das Dilemma praktisch angehen, dass sie Objekt kapitalistischer Herrschaft ist und zugleich emanzipatorische Verkehrsweisen ausbilden muss, um jene transzendieren zu können; »eine Organisationsform herauszubilden, die unter den Bedingungen des Zwanges und der Gewalt sowohl autonome Individuen herausbildet, als auch solche, die zu einer bestimmten disziplinären Unterordnung unter die Erfordernisse des Kampfes und unter die Bedingungen des Zwanges fähig sind.« (S. 256)

Die Hoffnung der Bewegung bestand darin, dass sie nicht, wie eine, die auf Gewalt sich aufbaut, da physisches Elend die Gewaltform der ursprünglichen Akkumulation ihr vorgibt, die kapitalistischen Gewaltformen reproduzieren muss. Dennoch bedeutet Organisation Vermittlung von Freiheit und Zwang nach Maßgabe der politisch-ökonomischen Möglichkeiten der Revolution. »Die bestimmte Negation des bürgerlichen Tauschverkehrs, zugleich solidaritätsbildend für proletarische Organisationsformen, würde bedeuten, dass ein jeder um der Emanzipation des anderen willen sich so viel Unterdrückung aufzuerlegen imstande ist, dass er seine Emanzipationsbedürfnisse nach den Gesetzen des politischen Kampfes einschränkt. Die politische Moral des revolutionären Kommunisten diszipliniert sich zum Kampf und antizipiert zugleich die solidarische Basis des herrschaftsfreien Verkehrs durch die bestimmte Negation der tauschwertbedingten Verkehrsform.« (S. 307)

VII.

Ökonomiekritisch muss der Organisationsfrage der Stand der kapitalistischen Produktion zugrunde gelegt werden. Nun hatten Marx und Engels – wie Krahl pointiert – zwei Endpunkte der kapitalistischen Naturwüchsigkeit bestimmt: das Aktienkapital <47> und die als Kapitalform gesetzte große Maschinerie. »Beide deuten ihnen zufolge auf eine Vergesellschaftungsqualität des ökonomischen Verkehrs, welche die freie Assoziation der unmittelbaren Produzenten, die sozialistische Produktionsform objektiv ermöglichen, wie Marx von der Aktiengesellschaft schreibt.« (S. 352)

Krahl geht aus von der Veränderung der Formbestimmung der abstrakten Arbeit. Bei Marx ist der Begriff der abstrakten und konkreten Arbeit konstitutiv für die Werttheorie. Die Waren bilden als Arbeitsprodukte die Einheit von konkreter und abstrakter Arbeit. Während die konkrete Arbeit die in die Ware hineingesteckte sinnlich-nützliche Tätigkeit beizeichnet, so die abstrakte die allgemeine menschliche Arbeit, unter Abstraktion von den sinnlichen Beschaffenheiten der Tätigkeit. Die Kategorie will den Begriff des Werts der Ware erhellen, als gesellschaftliche Substanz der Ware. Als wertbildende Substanz ist Arbeit abstrakte Arbeit, und damit historisch formbestimmt durch eine Bedingung, welche Ware und Wert zu kritischen und aufzuhebenden Gegenstandsformen macht: die entfremdete gesellschaftliche Teilung der Arbeit. »Nur Produkte selbständiger und voneinander unabhängiger Privatarbeiten treten einander als Waren gegenüber.« [13] Der Begriff der abstrakten Arbeit denunziert mithin die kapitalistische Formbestimmung der Arbeit, die nicht nur ihren sinnlichen Produkten die Warenhaut überzieht, sondern auch den Formen ihres Verkehrs; die Verhältnisse der Menschen verdinglichen zu naturhaften Gegebenheiten.

Am Begriff der abstrakten Arbeit als undurchschauter Gesellschaftlichkeit im Gegensatz zur naturkonstant stofflichen konkreten Arbeit, deren Formbestimmtheit nicht eingeschrieben ist, dass sie an die Warenform gekettet bleiben muss – eine Zwieschlächtig-keit, die gleichwohl die kapitalistische Synthesis des Produkts als Ware ausmacht -, setzt Marx den »Springpunkt« der Kritik an und gelangt schließlich zur Kategorie des Mehrwerts und der Akkumulation. »Aus der Kritik an diesen Kategorien erschließt sich die Gesellschaft als eine Herrschaftstotalität von Verdinglichung, Ausbeutung und Krise.« (S. 336) Angesichts des Monopolkapitalismus stellt sich die Frage, ob sich »ein Wandel in der kategorialen Verfassung der kapitalistischen Produktionsweise, nämlich in der Totalität abstrakter Arbeit« (S. 343), vollzogen hat, und welche Konsequenzen »eine qualitativ neue Dimension« des <48> »Widerspruchs von Vergesellschaftung und Privateigentum, von gesellschaftlicher Arbeit und Privatarbeit« (S. 295) ergibt. Krahl stellt die These auf, dass die »ökonomische Potenzierung der außerökonomischen Staatsgewalt und die technologische Umsetzung der Wissenschaften ins kapitalfixierte Maschinensystem« (S. 350) eine neue Qualität gesetzt hätten, obgleich die qualitativen Formen der Veränderung an den Kategorien der Kritik der politischen Ökonomie wie Ware und Wertsubstanz noch »unklar« sind, wie Krahl einräumt (S. 92). Ausgangspunkt heutiger revolutionstheoretischer Überlegungen bleibe, dass die »in der Marx-schen Lehre kritisch dargestellte naturgesetzliche Krisengeschichte der kapitalistischen Gesellschaftsformation (…) sich geschichtlich erfüllt (hat)« (S. 124). Mit dieser reellen Entfaltung der politischen Ökonomie, deren materialistische Objektivität als Kategorialität begründet, dass Marxens Darstellung zur Logik der kapitalistischen Geschichtsepoche, zum System einer negativen Ontologie zusammenwächst, hat die politische Ökonomie sich ihre materialistische Kategorialität gesamtgesellschaftlich vermittelt.

Die Naturwüchsigkeit der Entfaltung des Kapitalverhältnisses, die kategorielle Materialität und materielle Logizität, hat sich auf der Ebene des Weltmarktes gesetzt. Bei Marx hatte die bürgerliche Gesellschaft sich total den Dingen und Menschen aufgezwungen – wenngleich noch formell -, als das Geld der Inbegriff der Ware geworden war; die Universalität der Warenform als Geldform vermöge des Weltmarktes ist die materialistische Adäquation der Daseinsweise des Geldes mit seinem Begriff [14]. Dieser ersten über die Ware totalisierten Welt als formelle Totalität der zum Begriff, zum Schein, zum Geldzeichen immaterialisierten Gesellschaftlichkeit der Arbeit, die zugleich ihre Verdinglichung nach Maßgabe der Geldformen kennzeichnet, folgt der Gang der kapitalistischen Geschichte als progredierend akkumulierter Mehrwert, bis die Welt zu einer neuen Begrifflichkeit qualifiziert ist, das Kapital seinem Begriff – formell – adäquat wird. Dies wäre die von Krahl gegebene Stufe des eingetretenen Endpunktes der kapitalistischen Naturwüchsigkeit mit den beiden Seiten Aktienkapital und »kapitalfixiertes Maschinensystem«. Auf dieser Stufe, die Marx als die reelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital beschreibt, <49> realisiert sich erst die »Produktion um der Produktion willen« [15].

Die immanenten Tendenzen des Kapitals haben sich materialisiert, damit auch ihre Schranken, wie Krisen und Überproduktion. Die Materialisierung der immanenten Tendenz des Kapitals erweitert die politische Ökonomie als vorrangig daseiende Kategorialität des kapitalistischen Systems; Krisenmanagement, Staatsintervention und Technologisierung des Kapitals[16] erweitern die Kategorien, welche die »Kritik« angesichts des entfalteten Kapitalverhältnisses in sich aufnehmen muss. Für eine revolutionstheoretisch sich begreifende Kritik heißt dies, dass die offiziellen Wirtschaftswissenschaften mit der sich realisierenden Immanenz des Kapitals deformiert wurden zur Hilfswissenschaft für die Steuerung destruktiver ökonomischer Prozesse, denen die ehemals angestrebte Einsicht in die Totalität der bürgerlichen Reproduktion gleichgültig geworden ist. Eine revolutionäre Theorie kann an einem heutigen Ricardo ebensowenig mehr ansetzen wie die Methode an einem heutigen Hegel. Offensichtlich reichen – revolutions-theoretisch – die heutigen ökonomischen Regelsysteme nicht mehr aus, die Marxsche Kritik gemäß der entfalteten Immanenz dieser Systeme darzustellen.

Krahl hat die Erweiterung der »Kritik« benannt – er konnte sie freilich nicht ausführen. »Eine Theorienkritik der modernen Wirtschaftstheorie muss problematisieren, ob deren Kategorien noch im Marxschen Sinn hinreichende Existenzbestimmungen der monopolkapitalistisch gewandelten Produktionsweise sind, und (dass) die Kritik an ihnen nicht mehr ausreichen könnte, um revolutionäre Theorie zu bilden, als einer Lehre, deren Aussagen die Gesellschaft unter dem Aspekt radikaler Veränderbarkeit beschreibt.« (S. 348) Die neue Qualität des Kapitalverhältnisses hat für die revolutionäre Agitation entscheidende Implikationen. »Wenn sich nun das Verhältnis des Staates zur Wirtschaft dadurch verändert hat, dass der Staat selbst ein Produktionsfaktor und ein elementarer Regulator des ökonomischen Prozesses geworden ist, wenn sich also dieses Verhältnis von Politik und Ökonomie, in dem sich ja schließlich die Klassen, wie sie an sich selber beschaffen sind, konstituieren, geändert hat, wie hat sich dann die Klassenlage sowohl der Kapitalisten als auch der Lohnabhängigen an sich selber verändert?« (S. 260)

<50> Aus der These des mit der reellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital erreichten Endpunkts einer Logik des Kapitalverhältnisses an den Kategorien der politischen Ökonomie folgt eine Erweiterung des Erkenntnissubjekts für Veränderung – freilich nach Maßstab der Marxschen Theorie, dass der Akkumulationsprozess die »neue Schöpfung von Lohnarbeitern« einschließt.[17] Die Realisierung der immanenten Tendenzen des Kapitals produziert die »kombinierte Tätigkeit« der Arbeitsvermögen als Gesamtarbeiter, »ein sozial kombiniertes Arbeitsvermögen« wird der »wirkliche Funktionär des Gesamtarbeitsprozesses« und bildet »die gesamte produktive Maschine, (…) der eine mehr mit der Hand, der andre mehr mit dem Kopf (…), der eine als manager, engineer, Technolog, etc., der andere als overlooker, der dritte als direkter Handarbeiter oder gar bloß Handlanger«[18]. Diese gesamte produktive Maschine als Resultat des kapitalistischen Produktionsprozesses ändert freilich nichts daran, dass nicht jeder Lohnarbeiter produktiver Arbeiter ist, d.h. mit der Produktion von Mehrwert sinnlich beschäftigt. Wichtig ist hierbei, dass die Kategorie des Lohns den Verwertungsprozess mystifiziert und stets Ausbeutung über Mehrarbeit und Herrschaftsformen dieser Exploitation impliziert. Durch die reelle Subsumtion werden Formen der Arbeit entschleiert, die bisher »einen Heiligenschein um sich hatten«, und Tätigkeiten entweder direkt in Lohnarbeit verwandelt oder deren Gesetzen unterworfen[19]. Anders gesagt: die realisierte Produktion des relativen Mehrwerts verwandelt alle Dienste in Lohnarbeit. Dieser Vorgang birgt die Möglichkeit klassentheoretischer Konsequenzen, wenn, wie Marx sagt, die »materielle Produktion«[20] sich verändert. Lohnarbeiter sind Menschen, die sich als Ware Arbeitskraft zu verkaufen gezwungen sind. Der Lohn deckt jedoch nur die – mit moralischen Elementen historisierten – Reproduktionskosten der Ware Arbeitskraft. Der Lohnarbeiter erhält sein Salär für seinen gesamten Werkeltag – obwohl er einen Teil desselben Mehrwert schanzt – und muss somit dem Schein unterworfen sein, als handle es sich um ein im Ganzen »gerechtes« Geschäft. Einsicht in die Kategorie des Lohns, und damit in die Dialektik von Lohnarbeit und Kapital, Mehrwert, Akkumulation, sind mithin <51> Bedingung der Konstitution von Klassenbewusstsein. Wie Lukács wiederholt hat: Klassenbewusstsein ist das Selbstbewusstsein der Ware Arbeitskraft. Mit der Verwandlung von Diensten in Lohnform, von versprengten kleinbürgerlichen Tätigkeiten in die gesamte produktive Maschine erweitert sich das Quantum derer, welche die Bedingung der Möglichkeit zur Entwicklung von Klassenbewusstsein erfüllen: allerdings nur die Bedingungen, denn die Lohnkategorie beinhaltet vorerst lediglich die Avancen des Kapitals – nicht Klassenbewusstsein selbst.

Indessen sind mit diesen Erwägungen Probleme einer Theorie der Revolution wiederum nur bezeichnet; mit der Erweiterung des Lohnbegriffs ist noch nichts über die inhaltliche Seite der neuen Formbestimmung der Arbeit ausgesagt. Die materialistische Empirie müsste untersuchen, wie sich Warenform, Kapitalform, Lohnform, Klassenkampfform im entfalteten Kapitalismus zu ihrem Begriff in der Marxschen Theorie verhalten. Krahl hat es immerhin gewagt, diese theoretisch noch keineswegs überall schlüssigen Entfaltungen der Marxschen Theorie konsequent weiterzudenken. Wenn es stimmt, dass sich »die Totalität der proletarischen Klasse insgesamt erweitert« hat (S. 295), dann deckt sich das mögliche revolutionäre Totalitätsbewusstsein nicht mehr mit der Einschränkung desselben aufs Industrieproletariat. »Mit der fortschreitenden Vergesellschaftung des Kapitals und der produktiven Arbeit und der technologischen Verwissenschaftlichung der Produktion wird auch das unmittelbare Industrieproletariat immer mehr zum Moment im Arbeitsprozess. Es repräsentiert weniger denn je Totalität produktiver Arbeit.« (S. 334) Vorab impliziert dies, dass »der Übergang vom Konkurrenz- zum Monopolkapitalismus« (S. 331) – genauer, der Übergang von der formellen zur reellen Subsumtion – als »neue Vergesellschaftungsqualität (…) den Klassenantagonismus insgesamt (verändert)« (S. 332). Nach Marx verändert sich mit dem kooperativen Charakter des Arbeitsprozesses notwendig der Begriff der produktiven Arbeit [21], gemessen an den Organfunktionen des Gesamtarbeiters. »Die Wissenschaft als das allgemeine geistige Produkt der gesellschaftlichen Entwicklung, erscheint hier (…) dem Kapital direkt einverleibt.« [22]

Krahl nimmt die Marxsche These von der Erweiterung des Begriffs der produktiven Arbeit – »Um produktiv zu arbeiten, ist es nicht mehr nötig, selbst Hand anzulegen; es genügt, Organ <52> des Gesamtarbeiters zu sein, irgendeine seiner Unterfunktionen zu vollziehn« [23] – wörtlich, ohne die inhaltliche Seite zu besehen, und geht aus von einer »historisch neuen Qualität der Wissenschaft als Produktivkraft« (S. 330). Daraus ergäben sich folgende Konsequenzen: die »strategische Fehleinschätzung eines industrieproletarisch verengten Klassenbegriffs« (339); das Industrieproletariat kann nicht mehr »die Totalität des Klassenbewusstseins, also in der Wahrnehmung der Produktions- und Herrschaftstotalität der Gesellschaft, produzieren«, die Totalität des Klassenbewusstseins könne nur wiederzugewinnen sein mit Hilfe einer » Organisation der wissenschaftlichen Intelligenz, des Heers der Industriearbeiter und produktiven Angestellten« (S. 296); die »wissenschaftliche Intelligenz gehört ihrer objektiven Lage zufolge tendenziell der herrschenden Klasse nicht mehr an, nur noch ihrer sozial zurechenbaren geschichtlichen und sozialen Herkunft nach« (S. 354), damit ist der »Klassenverrat (…) organisierbar geworden« (354); »ohne die organisierte produktive wissenschaftliche Intelligenz (ist) die Bildung eines auf die bürgerliche Gesellschaft insgesamt bezogenen Klassenbewusstseins auch im Industrieproletariat unmöglich« (S. 335). Der These von der neuen Totalität des Proletariats fügt Krahl hinzu: »Noch so viele spontane Streiks in der BRD, in den Turiner Fiat-Werken und so weiter werden nichts daran ändern, dass das Industrieproletariat als Industrieproletariat ein Moment in der gesamten Klasse ist, aber nicht diese Klasse in ihrer Totalität repräsentiert.« (S. 318) Deshalb muss die »Bewegung wissenschaftlicher Intelligenz (…) zum kollektiven Theoretiker des Proletariats werden – das ist der Sinn ihrer Praxis.« (S. 345)

Zweifellos hat Krahl Ansätze einer Revolutionstheorie des entfalteten Kapitalismus gegeben; allerdings sind seine Folgerungen nicht immer ausgewiesen und seine Theorie des kollektiven Theoretikers des Proletariats in Gestalt der »wissenschaftlichen Intelligenz«, sowie der neuen Qualität von Wissenschaft, trägt Züge der Frankfurter Schule. Nicht die organisierte wissenschaftliche Intelligenz wird Theoretiker der proletarischen Bewegung stellen, ebensowenig wie der Feuerbachsche »Mensch« zum Sozialisten wird, sondern nur Teile dieser Intelligenz werden in Allianz mit der proletarischen Bewegung als Sozialisten sich auf dem Standpunkt der revolutionären Arbeiterklasse <53> begreifen. Freilich verfällt Krahl nicht dem – frankfurterischen -Trug, der Wissenschaft auch noch die Homunkulusfunktion einzuverleiben, in ihrer Omnipräsenz den Mehrwert zu hecken. Krahl betont, dass »die Wissenschaft (nicht) zur eigenständigen Mehrwertquelle (wird)«, sondern das »lebendige Arbeitsvermögen (…) erste und einzige Mehrwertquelle« bleibt (S. 327). Dennoch sind Begriffe wie »produktive Angestellte« (S. 321) oder »Organisation der wissenschaftlichen Intelligenz«, als machte diese Funktion Sozialisten, höchst beirrend. Noch gibt es nicht: »nur eine ökonomische Klasse, eine gesamtgesellschaftlich verallgemeinerte Lohnarbeiterschaft, die das Proletariat in sich aufgehoben hat« (S. 176), wie Krahl fragend formuliert. Der Kapitalismus ist seinem Begriff noch nicht derart adäquat, dass der gesellschaftlich struktive Klassenantagonismus sich eindimensionalisiert hätte zu dem »Volk« und einigen sinnlichen Restbeständen zurückgebliebener Charaktermasken von Monopolmanagern oder -eignern: das Kapital wird sich nicht selbstliquidatorisch organisieren, das Proletariat hat sich noch nicht kapitalnegatorisch organisiert. Die immanente Transzendenz des Kapitalverhältnisses bleibt praktisch zu organisieren; entsprechend der Erweiterung des Begriffs der Lohnarbeit vermöge der realen Subsumtion und damit erweiterter Bedingungen der Möglichkeit der Konstitution von Klassenbewusstsein – hierzu bedarf es keines Kultus eines neuen wissenschaftlichen Menschen, wie er keimförmig der Theorie der Produktivkraft Wissenschaft zugrunde liegt. Die Theorie der wissenschaftlichen Intelligenz, die das Proletariat organisatorisch in sich aufzunehmen vermeint, erweist sich als spezifische Überlegung der studentischen Linken, der es in der Tat oft nicht besser geht als dem kleinbürgerlichen Herrn Röscher, dem Marx bescheinigt, er bestehe aus einerseits – andererseits. Einerseits will die studentische linke Praxis die obiektiven Interessen der Arbeiterklasse artikulieren, zum andern ist sie von der Vereinnahmung der Bourgeoisie als wissenschaftliche Intelligenz bedroht; die Theorie des Gesamtarbeiters, wie sie in der Protestbewegung formuliert wurde, bietet die Hoffnung, nachuniversitär der Totalität des Klassenbewusstseins versichert zu sein. Vorerst ist der Gesamtarbeiter allerdings noch der neue Kleinbürger, dies wäre negatives Implikat der Krahlschen Frage nach der »einen« ökonomischen Klasse. Der hervorgehobenen Notwendigkeit einer Organisationsform der wissenschaftlichen Intelligenz, <54> wobei der Wissenschaft – entgegen dem durchgängigen Zug bei Marx, dass Wissenschaft vor ihrer sozialistischen Anwendung immer die für das Kapital ist – ein eudämonistischer Zug einhergeht, verbindet sich ökonomische Überschätzung der Produktivkraft Wissenschaft: »Technik und Wissenschaft haben ein produktiv umgesetztes Entfaltungsstadium von systemsprengendem Ausmaß erreicht. Die neue Vergesellschaftungsqualität der produktiven Arbeit durch die technologische Verwissenschaftlichung der Produktion vermag ihre zwangsweise kapitalistische Vergegenständlichung nicht mehr zu tolerieren.« (S. 333 f.)

Das Gegenteil scheint angesichts der Produktion gigantischer Destruktionsmittel im Dienste kapitalistischer Akkumulation der Fall zu sein . Die Technik hat noch, wie Agricola (um 1530) zu Eingang kapitalistischer Werkzeugentwicklung anmerkt, Gut und Böse in sich, Potenzen, die durch die Formbestimmung der Arbeit realisiert werden, und Lohnarbeit ist kapitalistisch ausgebeutete Arbeit im Dienste von Mehrwert und dessen Akkumulation. Die Qualität der Produkte der menschlichen Arbeit ist noch davon bestimmt, dass der toten Arbeit selber Herrschaft innewohnt, da ihr Gebrauchscharakter zum Moment depraviert ist. Auch wäre dieser nicht konstitutiv für das Kapital, dem seine »stoffliche Gestalt, worin es im Arbeitsprozess erscheint, ob als Dampfmaschine, Misthaufen oder Seide«[24] , gleichgültig ist. Diese stoffliche Neutralität der Dingwelt ermöglicht nur die Hoffnung, dass späterhin die ehemals nach Profitinteresse konstruierten Dinge ihren mit eigner Seele erscheinenden Kapitalcharakter abgestreift bekommen und solidarisch verwaltet werden können. Die Technik rebelliert nicht selbst; sie deckt ihre naturmystische Seite nur auf in der Allianz mit der umwälzenden Praxis.

Krahl verleiht der Wissenschaft als emanzipative Kategorie im Klassenkampf eine produktionsmystische Dimension. »Mit Wissenschaft als einer primären Produktivkraft hat sich die reelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital gewandelt. Sie ist entgegenwirkende Ursache.« (S. 354) Zwar ist der Wissenschaft eine zivilisatorische Tendenz immanent, doch immer formbestimmt nach dem jeweiligen Kapitalinteresse. Die Wissenschaft stellt – wie in der Revolt oft erhofft wurde – keine Sonderstellung zur Maschine dar: sie ist ökonomische Kategorie und damit Fluch <55> und Segen zugleich, Fortschritt kraft der Qualitäten des capital fixe, Überwindung der allgemeinen Bedarfsdeckung, Produktion von gesellschaftlichem Reichtum; aber dies nur als kapitalistischer Fortschritt, als Ausdruck der Produktion kapitaleigentümlichen Reichtums kraft des relativen Mehrwerts. Ein Wandel »in der Totalität abstrakter Arbeit« (S. 348) kann sich ohne die Praxis der kämpferisch verbundenen Individuen, welche die Wissenschaft – neben der gesamten Produktionsweise – ummünzen, nicht einstellen. Dies war eine Hoffnung der von der Arbeiterklasse getrennt kämpfenden Studenten. Die Wissenschaft ist stets Hebamme für die kapitalistische Ausbeutung, bis die Vergesell-schaftungsqualitäten der reellen Subsumtion der Arbeit unters Kapital mit den Interessen der Gattungsgeschichte, d.h. durch die Übernahme des Proletariats, belebt werden.

In der Krahlschen Form erfährt die Kategorie der produktiven Arbeit eine Erweiterung, während sie in jener klassenanalytischen Aufbereitung des Begriffs, die den mehrwerttheoretischen Kontext umstandslos zum klassentheoretischen macht, eine Verlagerung erfährt. Neben der Erweiterung des Begriffs der produktiven Arbeit vermittels eines »kombinierten Arbeitspersonals« betont Marx, dass die Bestimmung der produktiven Arbeit nur »wahr (bleibt) für den Gesamtarbeiter, als Gesamtheit betrachtet. Aber sie gilt nicht mehr für jedes seiner Mitglieder, einzeln genommen« [25], denn hier ist nur die Arbeit produktiv, die zur Selbstverwertung des Kapitals dient. Vorerst gibt die Kategorie des Gesamtarbeiters ebensowenig an klassentheoretischer Bestimmung her wie die der produktiven Arbeit. Die reelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital entwickelt »die sozialen Produktivkräfte der Arbeit« und damit »eine veränderte Gestalt der materiellen Produktion. Andrerseits bildet diese Veränderung der materiellen Gestalt die Basis für die Entwicklung des Kapitalverhältnisses (…)«[26]. Unter diesem, auf die Natur der Produktion gerichteten Aspekt ist der Begriff des Gesamtarbeiters zu fassen, er leistet nicht bereits die Darstellung kapitalnegatorischer Potenzen. Allerdings hat Krahl einen entscheidenden Sachverhalt der Marxschen Theorie versucht revolutionstheoretisch zu befragen: die »Anwendung von Wissenschaft und Maschinerie auf die unmittelbare Produktion« [27] <56> im Zuge der reellen Subsumtion. Lukács hatte als einer der Wenigen, als Mitarbeiter des Moskauer Marx-Engels-Instituts, die »Resultate« und die »Grundrisse« einsehen können und auf Probleme der reellen Subsumtion hingewiesen[28], denen freilich revolutionstheoretisch noch nicht gefolgt wurde. Allgemein lautet die Frage: »Wie verändert sich die Klassenstruktur, wenn die verdinglichten Abstraktionen des Überbaus sich unmittelbar in die Produktion zurückvermitteln?« (S. 165)

Die heutige »Entfaltungsnotwendigkeit eines wissenschaftlichen Sozialismus« (S. 310) als Rekonstruktion revolutionärer Theorie gründet sich auf die kapitalistische Onto-Logik, wie das Marxsche System als Kritik sie in den Formbestimmungen des Werts denunziert. Mit der reellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital wandelt sich die »kategoriale Verfassung der kapitalistischen Produktionsweise«, die Wirtschaftswissenschaften werden selber gleichsam aktienkapitalisiert zum Moment gesellschaftlicher Wahrheit; den ehemaligen Totalitätsanspruch der progressiven Bourgeoisie haben sie fallen gelassen. Das geschichtliche Prinzip der Produktion, d.h. die Geschichte konstituierende Produktion der Produktionsmittel selber, die den Eintritt der bourgeoisen Epoche kennzeichnet, hat sich im capital fixe festgesetzt. Damit haben sich die »verdinglichten Abstraktionen des Überbaus« in die durch die kombinierte Maschinerie qualifizierte Basis zurückvermittelt. Der Arbeitsprozess ist noch einmal »in sich selbst vergesellschaftet« (S. 395). Dies verändert »die technologische Verfassung des Arbeitsprozesses selber«; der Wechsel wird mit dieser Vergesellschaftungsform der Produktion »immer produzierter« (S. 354). Hieraus müsste folgen, dass die historisch materialistische Kritik am Verlauf der bürgerlichen Kategorialität selbst, an der kapitalistischen Onto-Logik, durch die potenzierte Vergesellschaftung der politisch-ökonomischen Kategorien – in Gestalt der Smith-Ricardoschen – sich auf neuer Stufe zu begreifen hätte; d.h. die Kritik der politischen Ökonomie erweitert sich durch die Materialisierung ihrer Kategorien. Selbst Marxens These, Hegel gebe den Begriff auf der Ebene der klassischen ökonomischen Theorie wieder, müsste nunmehr dergestalt eingeholt werden: die Kategorialitäten der Bourgeoisie müssen allesamt Gegenstand der Kritik werden. Marx <57> konnte eine Kritik des bürgerlichen Selbstbewusstseins an den »Existenzweisen« der Bourgeoisie nicht totaliter ausführen.

Die revolutionäre Theorie, welche die Gegenstandsformen der Bourgeoisie zur Umwälzung angreift, zerschlägt die Sprödigkeit ihrer begrifflichen Verdinglichungen und verdinglichten Begrifflichkeiten; ihre kategorielle -entfremdete- Totalität. Die Hegelschen Begriffe repräsentierten sie, wie die Ricardoschen. Wie Marx die Kategorien als spezifisch bürgerliche überführt und ihre Naturhaftigkeit vermöge der Analyse der Arbeit (Hegel) und der Ware ins Wanken bringt, so muss die Kritik, nachdem dies geleistet ist und die Logik der Kapitalakkumulation gesetzt ist, den verdinglichten Schein, die kategoriell verfasste Realität insgesamt zerstören. Indem die Kritik der politischen Ökonomie historisch ihre logischen Resultate erreicht – was freilich nicht heißt, dass der Gang des Kapitalverhältnisses sistiert sei -, hebt sich die Kritik gesamtgesellschaftlich auf; sie erreicht damit das Stadium der gesellschaftlichen Entfaltung der Ökonomie, deren Formbestimmungen als vergesellschaftete Erscheinungsweisen des Kapitalismus Aktienkapital – die neue Totalisierungsqualitat angeben.

Die Formbestimmungen der Kritik der politischen Ökonomie haben sich der gesellschaftlichen Totalität auferlegt; zugleich ist diese ohne jene nicht entschlüsselbar. Nicht nur das Selbstverständnis der Nationalökonomie ist Gegenstand der Kritik, sondern das Selbstverständnis der Wissenschaften überhaupt als mittlerweile in die Basis sich struktiv zurückvermittelnden Produktivkräften. Die Kritik kann mithin allgemeiner ansetzen als die Marxsche. Sie gewinnt eine metaökonomische Dimension; sie ist nicht nur Kritik der politischen Ökonomie, sondern Kritik der Gesamtheit der heutigen Existenzweise des Kapitals und der hierdurch bestimmten sozialen Beziehungen der Individuen.

VIII.

Die reelle Subsumtion als kapitalistische Entfaltung der Gesellschaft über ihre durch den absoluten Mehrwert gesteckten Schranken hinaus, der, entgegen dem relativen, auf maschinenmäßig erweiterter Ausbeutung beruhenden, auf nackter Gewalt und Ausdehnung des Arbeitstages basiert, hat einen weiteren Stimulus der Entfaltung des relativen Mehrwerts geschaffen: die <58> Produktion von Bedürfnissen unter Warenhaut, die vom – ehemals kampfbestimmenden – Movens allgemeiner gesellschaftlicher Not und materiellen Elends des westeuropäischen Proletariats losgelöst zu sein scheinen. Diese Produktion von Bedürfnissen scheint der Möglichkeit der Entfaltung von Subjektivität entgegenzuwirken: » Wie können Bedürfnisse nach einem Reich der Freiheit, des Friedens und des Glücks ins Bewusstsein der Massen und zur politischen Erscheinung drängen, wenn sie nicht mehr in den materiell vitalen Bedürfnissen nach der Beseitigung von Hunger, materieller Not und physischem Elend verankert sind ? » (S.  298) Anders hieße die Frage: Wie sind angesichts des entfalteten Kapitalismus, der Totalität des relativen Mehrwerts, der Herrschaft der aktienkapitalistischen Eigentumsform der Subsumtion des Gebrauchswerts unter den Tauschwert auf der Basis des kapitalistisch gesetzten Gebrauchswerts – die Bedingungen von Subjektivität, von systemnegatorischer Apperzeption und Praxis möglich? Wie konstituiert sich revolutionäres Bewusstsein, wenn die logisch-ontologischen Totalitätskategorien sich materialisiert haben ?

Die Frage kann nur gestellt werden nach Maßgabe der bisherigen proletarischen Siege und Niederlagen, angesichts der Bedingungen des entfalteten Kapitalismus, auf dessen Boden die Theorie sich zu eingreifendem Denken herausarbeiten muss. Auf diesem Stadium der »Konstitution des Klassenbewusstseins als eines parteilichen Totalitätsbewusstseins« (S. 309) bewegen sich die revolutionären – der Kritik der politischen Ökonomie abgewonnenen – Kategorien nicht mehr naturwüchsig in der Immanenz von Elend und Gewalt. Verelendung ist tendenziell kein Begriff lebensgeschichtlicher Unmittelbarkeit mehr, Elend und Gewalt müssen vermittelt werden gegen unterdrückende Manipulation und bedürfen materialistisch-erkenntniskritischer Analysen – freilich: dass Elend und Gewalt sich globalisiert haben, von der Aushungerung der blühenden Städte Indiens kraft der East-Indian-Company bis zur Ausblutung des halben Erdballs, ist selber Teil der maximierten Exploitation des Kapitals; dieses aber produziert seine eigenen »moralischen Elemente« in den angestammten Ländern des Kapitalismus. Dies macht Aufklärungsarbeit in andrer Weise nötig als zu Marxens Zeit. Die Begriffsbildung geht nicht naturwüchsig den Bedürfnissen der Massen nach Emanzipation einher. Wenn die Kritik der <59> politischen Ökonomie nicht mehr vorrangig als Kritik des nationalökonomischen Selbstverständnisses die Konstitutionskategorien der Theorie der Revolution, stellt, dann erheischt die Theorie eine metaökonomische Dimension; einen erneuten Rekurs auf die Bedürfniswelt, die heute dem unnachlaßlichen Satz, dass die Befreiung der Arbeiterklasse das Werk der Arbeiterklasse selbst sein muss, zugrunde liegt: ihre Formbestimmtheit läßt sie entsinnlichter – nicht mehr vom tagtäglichen ökonomischen Elend bestimmt, deshalb mit einer neuen Sinnlichkeit – zum Gedanken drängen, als während der großen Siege der Arbeiterklasse – die Zehnstundenbill als ‘Sieg des Prinzips« (Marx) – im letzten Jahrhundert. Marx und Engels hatten seinerzeit Fourier als Ahnherrn der Revolution gefeiert, der ihr nach der utopistischen Philisterei Leben und Sinnlichkeit eingehaucht hatte. Diese Seite gilt es der Revolution zu vindizieren, nachdem sie sich Jahrzehnte auf die mechanistische Aufklärung hat depravieren lassen : auf die soziologische Reduktion, dass Emanzipation sich decke mit der Entfaltung der Maschinerie, der Produktivkräfte.

Die Theorie der Revolution, wie sie mittels der Kategorien der Kritik der politischen Ökonomie bei Marx und Engels entwickelt wurde, konnte sich noch uneingeschränkt der bürgerlich vorgegebenen, sich emanzipierenden Sinnenwelt versichert glauben, wie sie von der Aufklärung bis zu Feuerbach reflektiert wurde und ein historisches Produkt der Entfaltung der Industrie war; dass die fünf Sinne nunmehr – wie die Produktionsmittel – »produzierter« wurden, universalisierte sie und hob sie aus der Unmündigkeit agrartradierter, der ersten Natur subsumierten Unmittelbarkeit. Zugleich war mit dem proletarischen und plebejischen Kampf der emanzipatorische Index gesetzt, dass der Gebrauchswert der Sinnenwelt, die Bedürfniswelt nach freier Sinnlichkeit und Befreiung, nicht formell-bürgerlich sich fixierte: als abgehobenes Reich der Sittlichkeit. Die vorsichgehende Bewegung der Arbeiterklasse war Garant der Emanzipation auch der Bedürfniswelt; eine befreite Sinnenwelt ist Konstituens der Klasse für sich und mithin Kategorie des revolutionären Kampfes, Rekreationsbasis und Grund der Identität kommunistisch verkehrender Individuen. Deshalb beschrieb Marx den mühsamen Prozess, in dem über Lohnarbeit zwangsinstrumentalisierte Proletarier sich emanzipative Gattungskräfte – hier erst erhält der Feuerbachsche Begriff des Gattungsvermögens einen nicht mehr anthropologischen Sinn – aneignen, als die Arbeit von Jahrzehnten <60> und nicht als kurzfristig herzustellendes Jerusalem. Die Revolt versuchte den Vorschein des künftigen Jerusalem zu fassen; sie hat damit ein Sensorium und eine Kompromisslosigkeit vorgegeben, hinter welche die kommenden Kämpfe nicht werden zurückweichen können. Zugleich hat sie sich als Klasse für sich propagiert, als sei die Klasse an sich zum Selbstbewusstsein ihres Warencharakters gelangt. Die konkrete Utopie war nur Schein, immer noch mehr studentischer Lebensentwurf als verallgemeinerbares revolutionäres Lebensbedürfnis. Dieser aber muss die Theorie reflektieren, da es nicht mehr naturwüchsig sich zum Gedanken erhebt. Die Theorie muss als revolutionäre sich der – jeweils formbestimmten – Gebrauchswertseite der Ware Arbeitskraft zuwenden – nicht der für das Kapital, sondern der für sich – : der Seite möglicher kapitalnegatorischer Qualitäten, und sie als Konstituens in sich aufnehmen. Die »Beziehungen der Freiheit (…) betreffen«, wie Marx pointiert, »den Inhalt, die Gebrauchswerte oder Bedürfnisse als solche, d.h. in seinen ökonomischen Formbestimmungen betrachtet«[29]. Diese Dimension gesehen und als Notwendigkeit theoretischer Arbeit vorangestellt zu haben, ist der bedeutende Impetus der letzten Arbeiten von Krahl; er fordert »eine Theorienbildung, die abstrakte Totalitätskategorien immanent mit Begriffen der Bedürfnisbefriedigung verbindet.« (S. 345)

Für die Rekonstruktion der Theorie ergeben sich drei entscheidende Probleme der »historischen Genesis des Klassenbewusstseins, und zwar 1. als Problem einer Rekonstruktion revolutionärer Theorie als einer Lehre, deren Aussagen die Gesellschaft unter dem Aspekt radikaler Veränderbarkeit begreifen. 2. Der Wiedergewinnung einer Dimension materialistischer Empirie von Bedürfnisbefriedigung und Interessenerzeugung. 3. Das Problem der Umsetzung der Theorie ins Bewusstsein des Proletariats.« (S. 343) Theorie muss wieder zur »reflektierten Artikulation von Spontaneität« (S. 344) werden, wie die Praxis, die sich über sie vermittelt.

In der Tat muss, nachdem die elfte Feuerbachthese immer noch nicht wirklich geworden ist, die Welt gerade deshalb auch interpretiert werden. Dabei hat die Frage, »ob diese Kritik der politischen Ökonomie zu einer Theorie der Revolution wirklich vermittelt worden ist?« (S. 385), weniger den Sinn, die Marxsche Theorie flohknackerisch zu sezieren, als, sich den Status heutiger Theorienbildung zu erhellen, die gerade nach <61> Maßgabe der Marxschen Kritik die Interpretation zur Umwälzung leisten muss. Für Krahl ist deshalb »das Verhältnis von Produktion und Klassenkampf; das Verhältnis von Kritik der politischen Ökonomie als einer kritischen Theorie der kapitalistischen Produktion und des Historischen Materialismus als einer Theorie der Revolutionen und Klassenkämpfe (…) problematisch geworden.« (S. 385)

Die Bedürfnisse nach Befreiung sind der Theorie nicht mehr in dem Maße eingeschrieben wie bis zur II. Internationale. Die »Ebenen der entfremdeten Arbeit, des verdinglichten Bewusstseins und verarmten Lebens« (S. 330) bedürfen erneuter theoretischer Reflexion; der »erste Zugang … zu den Massen ist die wissenschaftliche Anstrengung, ihre Bedürfnisstruktur zu erkennen« (S. 321). Nachdem die Nomenklatur und der Entwicklungsgang des kapitalistischen Systems theoretisch entschlüsselt sind, bedarf es, neben der Darstellung und Kritik der historischen Verlaufsform des Kapitalverhältnisses, erneut des begrifflichen Rekurses auf die Genesis der Revolution, auf Emanzipationskategorien, die der daseienden Bewegung als negatorische Potenzen innewohnen. Zwar überakzentuiert Krahl, wenn er ein Fehlen der Konstitutionsproblematik bei Marx feststellen will – »die Frage nach der Genesis der Revolution fällt aus der Marxschen Theorie der Klassenkämpfe heraus« (390), oder gar im Sinne von Habermas und Wellmer, als sei Kautsky der Adressat oder Stalin: »Marxens Theorie des Klassenkampfes apriorisiert die historische Dialektik von bürgerlicher und proletarischer Revolution zu einer Metaphysik des Klassenbewusstseins als Weltgeist« (S. 390) -, doch weiterführend bleibt die Intention auf der Gebrauchswertseite der je kapitalfixierten Formbestimmungen, jenes Moment von Nicht-Identität in der Praxis, dem Alltagsleben des Proletariats, welches das Kapital auf je neuer Stufe mitproduzieren muss, will es sich weiter entfalten: Kooperationsformen, Revoltformen der Ware Arbeitskraft, deren sie bedarf, um sich als Lohnarbeiter reproduzieren zu können gegen die Tendenz des Kapitals, die Exploitationsschranke anzuheben; Qualitäten wie Glück und Leid, die sich der Quantifizierung zum Warencharakter, der Levellung nach Arbeitszeitmaßen sperren. Hier hat nach Krahl die Arbeit der wissenschaftlichen Intelligenz einzusetzen, »Emanzipationskategorien für die Arbeiterbewegung« zu entwickeln »nach Maßgabe ihrer Produktivität kapitalnegatorischer Momente. Erst im Rekurs auf proletarische Emanzipationskategorien <62> ließe sich wissenschaftliche Arbeit im proletarischen Sinne durchschauen, könnte die Objektivation der Klasse zum Klassenkampf geleistet werden.« (S. 388)

Es ist freilich fraglich, ob die wissenschaftliche Intelligenz, vereinnahmt im Gesamtarbeiter, – und sei es auch nur als Iiberalistisch-moralische Kategorie – sich ihrer Warenhaut entledigen, die Kommandostationen des Kapitals wird aufgeben wollen, um sich der revolutionären Theorie zu widmen. Für die Linke indessen bleibt »die neue Entfaltungsnotwendigkeit eines wissenschaftlichen Sozialismus« außer Zweifel: »Wissenschaftlicher Sozialismus, will er sozialrevolutionäre Phantasie erzeugen und potentielles Klassenbewusstsein aktualisieren helfen, muss gerade die Formulierung der konkreten Utopie leisten.«

Die sozialistische Theorie hat mithin zur historischen Fortführung der Negation als Theorie sowohl die »Pathologie« des Proletariats (Marx), wie dessen Emanzipationsformen in sich aufzunehmen; jene Genesis materialistischer Hoffnung, die hinter ihrer kapitalistischen Geltung sich verbirgt: den Formen der Subjektivität der Ware Arbeitskraft. »Proletarische Individualität basierte auf der besitzlosen Stellung im Produktionsprozess und realisierte sich in der Organisation des Klassenkampfes. Die langfristige lebensgeschichtliche Perspektive des proletarischen Individuums war die von Ausbeutung und Elend oder revolutionärer Befreiung.« (S. 340) An der Einsicht in diese Perspektive lebenslangen Elends – auch unter den verwandelten Formen desselben unter dem relativen Mehrwert – hängt die Möglichkeit der Revolution. Die Theorie als »materialistische Empirie« (S. 309) hat die kapitalnegatorischen Seiten des Arbeitsprozesses zu untersuchen und in sich aufzunehmen. Dies heißt für ihre Praxis, die negatorischen Qualitäten zu forcieren in eingreifendem Denken, in der Praxis des »verstandesgemäßen Ausdrucks« der Volksmassen, so Engels, »ihrer von ihnen selbst noch unverstandenen, nur erst unbestimmt gefühlten Bedürfnisse« [30]. Nachdem die Kritik der politischen Ökonomie gezeigt hat, »wie dieses Verhältnis selbst produziert wird«, so muss die konkrete Utopie »zugleich in ihm die materiellen Bedingungen seiner Auflösung«, die es produziert, aufdecken. [31]

<63> »Revolutionäre Theorie als revolutionäre Theorie des Spätkapitalismus steht noch aus« (S. 251); ihre Konstruktion wird die Ansätze von Krahl verfolgen, der unnachgiebig auf jenen zu materialisierenden Emanzipationsbegriff gepocht hat, der die Herstellung des Reichs der Freiheit nicht verkürzt an der Vergesellschaftung der Produktionsmittel alleine festmacht. Was in den Niederlagen der letzten Jahre erlag, war – wie Marx von den Klassenkämpfen in Frankreich berichtet – »nicht die Revolution. Es waren die vorrevolutionären traditionellen Anhängsel, Resultate gesellschaftlicher Verhältnisse, die sich, noch nicht zu scharfen Klassengegensätzen zugespitzt hatten – Personen, Illusionen, Vorstellungen, Projekte, wovon die revolutionäre Partei vor der Februar-Revolution nicht frei war, wovon nicht der Februarsieg, sondern nur eine Reihe von Niederlagen sie befreien konnte.« [32]

Vorläufige Thesen zum revolutionären Marxismus

I.

1. Gegenstand der politischen Ökonomie war die über die Ware totalisierte Welt (Weltmarkt). Index dieser formellen Totalität war die höchste Form des Geldes als »allein adäquates Dasein des Tauschwerts« (Marx) in Gestalt der zum Begriff, zum Geldzeichen immaterialisierten Gesellschaftlichkeit der Arbeit (Weltgeld). Damit hatten sich die gesellschaftslichen Verhältnisse als Ausdruck der menschlichen Arbeit in abstracto verdinglicht. Begriff (bürgerliche Denkformen) und Verdinglichung als Ausdruck der über die Geldform synthetisierten Welt korrespondieren miteinander. Auf dieser logischen Stufe der Entfaltung der ware behandelt bekanntlich Lukács die Konstitutionsbedingungen von Klassenbewusstsein.

2. Der Entfaltung der Kategorie der Ware in Gestalt der Geldformen als dialektische daseiende Logik folgt der Gang der kapitalistischen Geschichte anhand ihrer Kategorien als progredierend akkumuliertem Mehrwert. Marx geht der Logik der Kategorien bis zu ihrem Endpunkt, bis die Welt zu einer neuen Begrifflichkeit qualifiziert ist, nach: Aktienkapital und automatisches System der Maschinerie; erst hier wird das Kapital seinem Begriff formell adäquat. Auf dieser Stufe, die durch Monopolbildungen gekennzeichnet ist, sowie auf der der reellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital, realisiert sich erst die Produktion um der Produktion willen. Hier findet die »volle Entwicklung des Kapitals« und die »aktive Subsumtion« der lebendigen Arbeit unter die vergegenständlichte als capital fixe statt.

3. Neben der Produktion des capital fixe, das sich »als Selbstzweck setzt« (Marx), als Subjekt des Produktionsprozesses, geht dieser entfalteten Gestalt des Kapitalverhältnisses die »reiche Entwicklung des sozialen Individuums« einher; vom Standpunkt des unmittelbaren Produktionsprozesses als Produktion von capital fixe: »dies capital fixe being man himself« (Marx).

4. Die immanenten Tendenzen des Kapitals haben sich heute materialisiert; die von Marx aufgezeigte Logik des Kapitalverhältnisses hat sich realisiert. Und damit zugleich die der kapitalistischen Logik immanenten Schranken, die sich in Krisen und der der Selbsterhaltung des Kapitals dienenden »gewaltsamen Vernichtung von Kapital« (Marx) permanent setzen. Das Kapital als der »prozessierende Widerspruch« ist nach Maßgabe des Endpunktes der Logik des Kapitalverhältnisses (dies impliziert freilich nicht das Ende seines historischen Verlaufs) in Erscheinung getreten und begründet damit die Basis zu seiner revolutionären Aufhebung.

II.

1 . Mit Monopolbildungen als potenzierter Gestalt der aktienkapitalistischen Eigentumsform – »Aufhebung des Kapitals als Privateigentum innerhalb der Grenzen der kapitalistischen Produktionsweise selbst« (Marx) – ist der »künftigen Expropriation durch die Gesamtgesellschaft aufs erfreulichste vorgearbeitet« (Engels). Dies heißt aber zugleich, dass die materialisierte Logik der Marxschen Nomenklatur des Kapitalverhältnisses als »gewaltige Vergesellschaftung der Arbeit« (Lenin) sich dem Alltagsleben der Lohnarbeiter aufherrscht; es wird – kapitalistisch – vergesellschaftet. Das einzelne Arbeitsvermögen, Geschick und Gehirn, verschwindet im Verhältnis zur Allgewalt des wissenschaftlich betriebenen Systems der Maschinerie, im »qualitativen Missverhältnis zwischen der auf reine Abstraktion reduzierten Arbeit und der Gewalt des Produktionsprozesses« (Marx).

2. Vom Produktionsprozess her korrespondiert diesem Zustand die reelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital. Sie ist charakterisiert durch das unmittelbare Eingehen der »gesellschaftlichen Wissenschaft« (Marx) in die Produktion, durch die Veränderung der Natur des Arbeitsprozesses: »Es werden die sozialen Produktivkräfte der Arbeit entwickelt« (Marx). Zugleich wird der Produzent zum »bloßen Produktionsmittel« (Marx) herabgewürdigt. Der Akkumulationsprozess schließt in neuer Form die Schöpfung von Lohnarbeitern ein: die »kombinierte Tätigkeit« der Arbeitsvermögen wird zum »sozial kombinierten Arbeitsvermögen«. Dienstleistungen und seither außerhalb der Lohnarbeit stehende Tätigkeiten (engeneer, Arzt) werden in Lohnarbeiter verwandelt.

3. Durch die aktienkapitalistische Formbestimmung des Kapitalverhälfnisses wird die Gesellschaft durchkapitalisiert, vergesellschaftet auf dem Boden des Kapitalverhältnisses; durch die reelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital ist die unmittelbare Arbeit gesellschaftliche geworden. Damit ist die Potenz entwickelt zur Übernahme der Vergesellschaftung durch die Produzenten, sowie zur Entfaltung der »emanzipierten Arbeit« (Marx).

4. Vermöge der durch die Monopole geforderten »Staatseinmischung« (Marx) und der reellen Subsumtion in der »Anwendung von Wissenschaft und Maschinerie auf die unmittelbare Produktion« (Marx) hat sich der Überbau (Staat, Wissenschaft) in die Basis zurückvermittelt. Der Stoffwechsel der Menschen mit der Natur und untereinander (Verkehrsweise) wird formbestimmt gemäß der aktienkapitalistischen Verlaufsform des Kapitalverhältnisses. Die Verdinglichung als Phänomen der Ware in der Totalität der Geldform materialisiert sich damit auf höherer Stufe und wird dem Kapital adäquat; sie geht in die Produktion (capital fixe; reelle Subsumtion) zurück. Damit ist Verdinglichung (fortbestehende, an die Ware gebundene Mystifikation) als Mystifikation des Kapitalverhältnisses, als Prozess, zur reellen Totalität geworden. Revolutionstheoretisch ist mithin zu fragen: Wie ist angesichts der Totalität des Kapitalverhältnisses revolutionäre Subjektivität möglich?

III.

1 . Die Totalitätskategorien der Kritik der politischen Ökonomie (Ware, Kapital) stellen dar die prozessierende Identität von Identität und Nichtidentität; d.h. durch die Formbestimmungen hindurch entfalten sich nichtidentische, kapitalnegatorische Potenzen. Dem formell erreichten Endpunkt der Logik des Kapitalverhältnisses mit Aktiengesellschaftsform und reeller Subsumtion der Arbeit unters Kapital geht einher die Erweiterung der Bedingung des Erkenntnissubjekts. Mit der Verwandlung von Diensten in Lohnarbeit, durch das »sozial kombinierte Arbeitsvermögen«, mit dem Einsaugen kleinbürgerlicher Tätigkeiten in die gesamte produktive Maschine erweitert sich das Quantum derer, welche die Bedingungen der Möglichkeit zur Entwicklung von Klassenbewusstsein erfüllen.

2. Geht dieser Vorgang von der formellen zur reellen Bestimmung fort und ergreift den Arbeitsprozess, so ergeben sich klassentheoretische Konsequenzen. Lohnarbeiter sind Menschen, die ihre Ware Arbeitskraft zu verkaufen gezwungen sind. In der Kategorie des Lohns steckt für das Kapital die Möglichkeit, die Ausbeutung über den Mehrwert zu verschleiern (»gerechter« Lohn). Mit dem Lohnverhältnis als reelle Bestimmung ist aber die Möglichkeit der Einsicht in die Ausbeutung über Mehrwertschöpfung gegeben, in die Dialektik von Lohnarbeit und Kapital; d.h. in die Reproduktion des Kapitalverhältnisses: die Bedingung der Möglichkeit zur Entfaltung des Selbstbewusstseins der Ware Arbeitskraft.

3. Durch die reelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital hat die Arbeiterklasse eine neue Formbestimmung erfahren. Unter Bedingungen der formellen Subsumtion der Arbeit unter das Kapital fiel der Begriff der Lohnarbeit vom Gesamtkapital her mit produktiver Arbeit zusammen (Lohnarbeit und Kapital). Unter Bedingungen der reellen Subsumtion ist Lohnarbeit (als Kategorie des Gesamtkapitals) nicht mehr nur durch die Produktion von Mehrwert bestimmt, sondern auch unproduktive Tätigkeiten, wie Dienstleistungen und Gattungsgeschäfte, sind unter die Form des Mehrwerts subsumiert. Lohnarbeit ist Bedingung des Kapitalverhältnisses und logisches Konstituens von Klassenbewusstsein. Die Kritik der politischen Ökonomie stellt die Logik der Formen dar. Die logischen Bestimmungen sind jedoch noch nicht zureichende Bedingungen für die Konstitution von Klassenbewusstsein. Neben der allgemeinen Formbestimmung seiner Konstitutionsbedingungen gilt es die besonderen Erscheinungen der Lohnarbeit, ihre einzelkapitalistischen Konkretionsformen, zu untersuchen. Daraus ergibt sich, dass die Klassenanalyse weder objektivistisch verkürzt an der Kategorie der produktiven Arbeit ansetzen kann, noch davon ausgehen kann, mit der Analyse der Arbeit unter Bedingungen der reellen Subsumtion als Lohnarbeit, Klassenbewusstsein mitgeliefert zu haben. Ob die Kategorie des Klassenbewusstseins konkret wird, ist natürlich keine logische, sondern eine praktische Frage.

4. Die neue Qualität von Lohnarbeit ist unter Bedingungen der reellen Subsumtion, d.h. der Veränderungen in der Natur des Arbeitsprozesses, auf die Bedingungen hin zu untersuchen, die sinnlich und begrifflich Erfahrung als Erkennen der Mystifikationen des Kapitalsystems unter dem Aspekt seiner Negation anzeigen. Der Kampf der Arbeiter (Sabotage) gegen die kapitalistische Anwendung der Maschine, die sie aktiv subsumiert, und gegen den Arbeitsprozess, der die Entfaltung seiner reichen und sozialen Individualität verhindert, kennzeichnet die neue Form der Entfaltung von Klassenbewusstsein. Die einsetzenden Kämpfe – vorwiegend noch die des italienischen Proletariats – greifen unmittelbar die Existenz des Kapitalsverhältnisses an.

5. Der neuen Formbestimmtheit der Arbeiterklasse geht einher, dass tendenziell nicht mehr mit Revendikationen gegen ökonomische Verelendung gekämpft wird. Eine neue Sinnlichkeit und Bedürfnisdimension geht in die Arbeitskämpfe der letzten Jahre ein. Anders als zu Marxens Zeit, als die Zehnstundenbill den »Sieg des Prinzips« darstellte, werden heute Kategorien der sozialen Emanzipation, Forderungen zur Entfaltung des »gesellschaftlichen Individuums« und »sozialer Beziehungen« (Marx) in die Kämpfe aufgenommen. Dieser Entfaltung proletarischer Subjektivität muss eine »materialistische Empirie« sich zuwenden.

IV.

1. Die Materialisierung der immanenten Tendenzen des Kapitals erweitert die politische Ökonomie als vorrangig daseiende Kategorialität des kapitalistischen Systems. Die offiziellen Wirtschaftswissenschaften fungieren praktisch als Regelsysteme, indem sie ausschließlich Subsysteme thematisieren; sie beanspruchen nicht mehr, Einsicht in die Totalität der kapitalistischen Reproduktion zu gewinnen. Eine revolutionäre Theorie kann deshalb an einem heutigen Smith oder Ricardo nicht nehr ans etzen (Krahl). Die Formbe-timmungen der Marxschen Kritik der politischen Ökonomie haben, indem sie ihre logischen Resultate historisch ereichen, sich der gesellschaftlichen Totalität auferlegt. Diese ist ohne jene nicht zu entschlüsseln, aber die Vorherrschaft der Kritik der politischen Ökonomie – als Basiswissenschaft – erweitert sich, die Kritik kann allgemeiner ansetzen als zur Zeit Marxens. Die Kritik muss jene metaökonomischen Kategorien, die dem Marxschen Werk als ökonomiekritische inhärent sind (technologische, soziologische und psychologische), weiter thematisieren.

2. Der Kapitalismus ist mit der Formbestimmung seiner Endpunkte noch nicht sistiert. Er ist seinem Begriff noch nicht derart adäquat geworden, dass der gesellschaftlich struktive Klassenantagonismus sich eindimensionalisiert hätte zum »Volk« und einigen sinnlichen Restbeständen zurückgebliebener Charaktermasken von Monopolmanagern und -eignern. Diese inhaltliche Adäquation des Kapitalbegriffs fiele mit seinem Untergang in Sozialismus oder dem Rückfall des ganzen Systems in geschichtslose Barbarei zusammen. Das Kapital wird sich nicht selbstliquidatorisch organisieren, das Proletariat hat sich noch nicht kapitainegatorisch organisiert. Die immanente Transzendenz des Kapitalverhältnisses ist noch praktisch herzustellen. Das Vertrauen der II. Internationale auf die Objektivität des Geschichtsverlaufs zum Sozialismus stellte seinerzeit tatsächlich die Notwendigkeit der Revolution in Frage. Heute stellen spekulative Theorien über die Produktivkraft Wissenschaft als neuer Mehrwertquelle den fortgeschrittenen Revisionismus dar. Er impliziert, dass die wissenschaftliche Intelligenz – da die Gesellschaft sich verwissenschaftliche – zur Avantgarde werde, als Erkenntnisträger mit proletarischer Funktion.

3. Die Theorie muss den veränderten Bedingungen des Kapitalverhältnisses seit der Marxschen Kritik nachgehen, ökonomiekritisch die Kapitalformen bestimmen und untersuchen, wie sich angesichts der kapitalistischen Formbestimmungen die Formen proletarischer Subjektivität gewandelt haben; wie sich Warenformen, Kapitalformen, Klassenkampfformen im entfalteten Kapitalismus je zu ihrem Begriff in der Marxschen Theorie verhalten.Dies erfordert die revolutionäre Einheit von Denken und Handeln, die Einheit von Analyse, Aufklärung und Aktion.

4. Die Begriffsbildung der Kritik geht nicht mehr naturwüchsig mit den Bedürfnissen der Massen nach Emanzipation einher, wie zur Zeit von Marx und Engels (weltweite kämpferische Organisierung der Arbeiterklasse). Das Anwachsen des organisierten Proletariats schien die Möglichkeit des Kapitals zu dessen Ausbeutung zu überflügeln. Die Theorie erheischt jetzt eine metaökonomische Dimension: einen erneuten Rekurs auf die Bedürfniswelt unter intensivierten Kapitalbedingungen, auf die Formen proletarischer Subjektivität, welche die Bedingung des Satzes bilden, dass die Befreiung der Arbeiterklasse nur das Werk der Arbeiterklasse selbst sein kann. Die konkrete Utopie der Revolt von 68 war immer noch mehr studentischer Lebensentwurf als verallgemeinerbares revolutionäres Lebensbedürfnis. Dieses aber muss die Theorie reflektieren; sie muss die vorhandnen Formen proletarischer Subjektivität, die formbestimmte Gebrauchswertseite der Ware Arbeitskraft als Konstituens in sich aufnehmen.

V.

1. Der außerökonomische Gebrauchswert ist durch das automatische System des capital fixe und die reelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital zur ökonomischen Kategorie geworden. Die ganze Sinnen- und Bedürfniswelt ist dem Kapital subsumiert. Zu fragen ist, wie Bedürfnisse nach Befreiung vermittels und trotz des Kapitalverhältnisses sich konstituieren, ob vom Gebrauchswert (als Bedürfniskategorie der Ware Arbeitskraft verstanden, also in der Dialektik von Gebrauchswert und Tauschwert), der in seiner kapitalistischen Formbestimmtheit nicht aufgeht, gesprochen werden kann: als Moment von Nicht-Identität. Mit dem völligen inhaltlichen Aufgehen in die jeweilige Formbestimmtheit, mit der totalen Tauschwertbestimmtheit des Gebrauchswerts, wären die Einsicht in die Notwendigkeit der Revolution oder die Bedürfnisse nach Befreiung nicht möglich.

2. Intention auf die Gebrauchswertseite nach Maßgabe ihrer jeweiligen Formbestimmtheit heißt: Untersuchung der Momente von Nicht-Identität in der Praxis, dem Alltagsleben des Proletariats, welche das Kapital mitproduzieren muss, will es sich weiter entfalten: Kooperationsformen, Revoltformen der Ware Arbeitskraft, deren sie bedarf, um sich als Lohnarbeiter reproduzieren zu können gegen die Avancen des Kapitals, die Exploitationsschranken anzuheben; Qualitäten wie Glück und Leid, die sich der Quantifizierung zum Warencharakter, der Taylorisierung nach Arbeitszeitnormen sperren.

3. Nachdem die Nomenklatur und der Entwicklungsgang des kapitalistischen Systems theoretisch entschlüsselt sind, bedarf es neben der Darstellung und Kritik der historischen Verlaufsform des Kapitalverhältnisses erneut des begrifflichen Rekurses auf die Genesis der Revolution, auf Emanzipationskategorien, die der daseienden Bewegung als negatorische Potenzen innewohnen. Die sozialistische Theorie hat mithin zur historischen Fortführung der Negation als Theorie sowohl die vom Kapital gesetzten »Pathologien des Proletariats« (Marx) wie dessen Emanzipationsformen in sich aufzunehmen, jene Genesis materialistischer Hoffnung, die hinter ihrer kapitalistischen Geltung sich verbirgt: Formen der Subjektivität der Ware Arbeitskraft. Die Subjektivitätskategorien reflektieren das Bewusstsein von den aktuellen Formen der Ausbeutung über den relativen Mehrwert. An der Einsicht in die Perspektive lebenslangen Elends als Lohnarbeiter – auch unter den verwandelten Formen desselben unter dem relativen Mehrwert – hängt die Möglichkeit der Revolution. Die Theorie hat neben den Schranken der Kapitalformen zu seiner Selbstreproduktion die kapitalnegatorischen Seiten des Arbeitsprozesses zu untersuchen und in sich aufzunehmen, sie hat die Dimensionen von Subjektivität zurückzuvermitteln zur Kritik der politischen Ökonomie. Das heißt für ihre Praxis, die negatorischen Qualitäten zu forcieren. Nachdem die Kritik der politischen Ökonomie gezeigt hat, »wie dieses Verhältnis selbst produziert wird«, muss die konkrete Utopie des wissenschaftlichen Sozialismus »»zugleich in ihm die materiellen Bedingungen seiner Auflösung«, die es produziert, aufdecken (Marx).


[1] Seitenzahlen nach H. Reinicke, Für Krahl, Merve-Verlag, Berlin 1973

[2] Seitenzahlen nach Hans-Jürgen Krahl, “Konstitution und Klassenkampf”, Frankfurt/Main 1971, Seite 30

[3] Marx, Das Kapital, Bd. I, Berlin 1961, p. 681

[4] cf. ibid., p. 659

[5] Marx, MEW 4, p.181

[6] Marx, Kapital, Bd.l, p.68 12

[7] cf. Marx, Grundrisse, p.504f., cit.Krahl 388

[8] Lukács,Georg, Geschichte und Klassenbewusstsein, Vorwort von 1967, Neuwied und Berlin 1963, p. 19f.

[9] Marx, Kapital Bd. I, p. 316

[10]  ibid., p. 803

[11] Marx, MEW 17, p. 655

[12] Marx/Engels, Manifest der Kommunistischen Partei, Ausg.Schr. Bd.l, Berlin 1964, p. 53.

[13] Marx, Kapital Bd. I, p. 46.

[14] ibid., p. 148

[15] Marx, Resultate des unmittelbaren Produktionsprozesses, Ffm 1969, p. 63

[16] ibid.

[17] ibid. p. 85

[18] ibid. p. 65f

[19] ibid. p. 67

[20] ibid. p. 61

[21] Marx, Kapital Bd.l, p. 533; cf. Krahl, p. 333

[22] Marx, Resultate, p.79

[23] Marx, Kapital Bd.l, p. 533 f.

[24] Marx, Resultate, p. 39 f.

[25] Marx, Kapital I, p. 534

[26] Marx, Resultate, p.61

[27] ibid

[28] Holz/Kofler/Abendroth. Gespräche mit Georg Lukács, Hamburg 1967, p. 42 und passim

[29] Marx, Grundrisse, a.a.O. S. 512 ^

[30] Marx/ Engels, AS, BdI, p.114

[31] Marx, Resultate, p.89

[32] Marx/Engels, AS, Bd.l, p. 127.

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source: krahlstudien.de