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Zwischen Rebellion und Affirmation, oder: Ultras sind politisch und auch wieder nicht

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Ein Gespräch mit Ralf Heck, dem Betreiber des Blogs „footballuprising

Seit knapp zwei Jahren gibt es den Blog „footballuprising“ – darin finden sich äußerst lesenswerte Analysen und Reflexionen vor allem zur politischen Wirkweise von Fußballfans, speziell von Ultra-Gruppierungen, die nicht nur in Europa, sondern auch darüber hinaus agieren.

Allerdings geht es nicht um Glorifizierung oder Rechtfertigung, sondern um differenzierte Meinungen und Berichte, etwas, das im Zusammenhang mit Ultras nicht immer zu finden ist, im Gegenteil: Allzu schnell hat sich in den Mainstream-Medien das Bild von den sich selbst feiernden, eine gewisse rebellische Attitüde zelebrierenden, vor allem aber auf Fun oder Krawall aus seienden Die-Hard-Fans geformt und verfestigt. Mit der entsprechenden Abneigung gegenüber dem Auftreten dieser Gruppen – das bisweilen durchaus eine gewisse Arroganz zu zeitigen scheint. Vielleicht aber nur der Versuch ist, eine bestimmte Sicht auf den Fußballsport zu befördern?

Ausgangspunkt für „footballuprising“: die Beteiligung von Fußballfans an den weltweit stattfindenden politischen Protesten und Aufständen. Bilder aus Istanbul oder Kairo sind politisch interessierten LeserInnen sicherlich noch vor Augen – Bilder von Fangruppen, die Proteste gegen Regierungen und Polizeigewalt unterstützten, die tatsächlich in solchen Momenten mehr einer Bürgerbewegung glichen denn einer Blase von Fußballfans.

Fanpolitik gleich Realpolitik? Über diesen Bezug gehen die Beiträge in „footballuprising“. So räsoniert etwa in einem der letzten Blog-Einträge James M. Dorsey unter der Überschrift „Soccer Is Politics” darüber, warum das repressive Regime Ägyptens Fußballfans als eine der größten Bedrohungen ansieht („Why Egypt’s repressive regime considers soccer fans one of its biggest threats“). Dorseys Beitrag ist gespiegelt, zuerst im unabhängigen US-amerikanischen Zweimonatsmagazin „The American Interest“ erschienen, über sein Betätigungsfeld heißt es „a senior fellow at the S. Rajaratnam School of International Studies as Nanyang Technological University in Singapore, co-director of the Institute of Fan Culture of the University of Würzburg and author of the blog The Turbulent World of Middle East Soccer and a forthcoming book with the same title.”

Das ist die Art von Texten, die das Interesse der PASS-Redaktion geweckt haben. Aus dem Grund hat sich Stefan Erhardt mit dem Blog-Initiator und -Betreiber Ralf Heck näher unterhalten.

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Radio-Feature: Die Hippie-Hools vom Gezi-Park

Anlässlich des zweiten Jahrestages von Occupy Gezi das Radio-Feature Die Hippie-Hools vom Gezi-Park von Ralf Heck, James Steen und Bob Dilan für footballuprising.

Das Feature kann man auch hier direkt anhören, ohne Soundcloud.

D 2015 –  footballuprising – 14 Min.

08. Juni 2013 – Zehntausende Fußballfans der unterschiedlichen Klubs schließen sich dem Aufstand in der Türkei an: Die Supportergruppe Çarşı von Beşiktaş Istanbul vereinte sie in einer Demonstration gegen das Erdoğan-Regime – der größten, die während des Gezi-Park-Aufstandes stattfand. Gegenwärtig sitzen 35 Mitglieder von Çarşı auf der Anklagebank aufgrund ihrer Beteiligung an der Revolte im Sommer 2013. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen Bildung einer kriminellen Vereinigung und Putschversuch vor. Lebenslänglich Knast droht ihnen bei einer Verurteilung. Doch welche Rolle spielte Çarşı bei den Protesten? Wie ticken ihre Mitglieder? Wurde der Aufstand einzig von einer brutal agierenden Polizei niedergeschlagen oder scheiterte er nicht vielmehr auch an den inneren Widersprüchen der Bewegung? Diese und noch weitere Antworten liefert das folgende Feature.

Football Uprising

Football Uprising is a new blog on football, ultras, politics and revolution by Ralf Heck. It has a ton of resources, articles, links, photos and videos on ultras in Egypt, Turkey, Germany, Spain, UK and more. Check it out NOW, you leberwursts.

istanbulunited

ABOUT: Im letzten Zyklus der Kämpfe betrat eine deutlich wahrnehmbare neue Kraft die Bühne der Revolte: Die Beteiligung organisierter Fußballfans an den derzeit weltweit statt findenden Protesten, Riots und Aufständen ist unübersehbar. Die Supportergruppe Çarşı von Besiktas organisierte im letzten Sommer die ersten Nachbarschafts-Versammlungen in den Istanbuler Stadtteilen, war während der Gezi-Park-Besetzung sehr aktiv und kämpfte somit nicht nur in dem ihr zugetrauten Sinne an vorderster Front gegen das Erdoğan-Regime. Schon beim Dezember-Aufstand in Griechenland 2008, ausgelöst durch einen von der Polizei erschossenen Schüler, waren Fußballfans an den massiven Riots beteiligt wie auch bei jenen kürzlich in Portugal, Spanien sowie auch Bosnien-Herzegowina. Die Ultras von Hapoel Tel Aviv beteiligten sich an den Occupy-Protesten in Israel 2011/12 und selbst größten Fußballhassern dürfte es nicht verborgen geblieben sein, dass nordafrikanische Ultragruppen einen erheblichen Anteil an den militanten Auseinandersetzungen – und nicht nur an ihnen – während des sogenannten arabischen Frühlings hatten und immer noch haben – allen voran die Ultras White Knights sowie Ahlawy. Der Betreiber des Blogs The Turbulent World of Middle East Soccer, James M. Dorsey, meint, dass „die Ultras eine Schlüsselrolle bei der Überwindung der ‚Barrikade der Angst‘ gespielt [haben] […] Ihre Anziehungskraft auf desillusionierte Jugendliche ist enorm. Wir sprechen von der zweit- oder drittgrößten Bürgerbewegung Ägyptens mit zehntausenden Mitgliedern.“

1:1 Die organisierten Fußballfans befinden sich im Spannungsverhältnis zwischen Eigentor und Aufstand: In der Zukunft wird sich noch herauskristallisieren, ob die Ultras fähig sein werden, die in einer überwiegend maskulin-geprägten Gemeinschaft ausgelebten Identität als Fußballfans ihres Vereins und Liebhaber ihrer Stadt und die damit verbundenen Freund-/Feind-Schemata auch längerfristig zu überwinden. Da ihre gesamte Identität auf einem alternativen Konzept der Lebensführung aufbaut – ideologisch legitimiert durch die sagenumwobenen Ultra-Werte und habituell von einem Hauch der Subversion umgeben – würde diese Transformation allerdings kaum weniger bedeuten können, als die Aufhebung genau dieses Ultra-Daseins. Spielabbruch durch Platzsturm und Beginn der dritten Halbzeit

Wir hoffen auf einen regen Austausch und spannende Diskussionen mit allen an Fußball-Fankultur Interessierten, die dazu beitragen wollen, der ganzen alten Scheiße (Marx) ein möglichst baldiges Ende zu bereiten.

Ralf Heck für footballuprising, Oktober 2014