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Tag: kapitalismus

Für Krahl (Reinicke, 1973)

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by Helmut Reinicke (Merve Verlag, 1973) PDF

[See also: Digger Journal; Krahlstudien; Krahl-briefe]

»Ist das Wahre abstrakt, so ist es unwahr

Hegel

I.

Eine Darstellung der intellektuellen Biographie der Revolt am Denken von Hans-Jürgen Krahl (1944-1970) bedarf nicht des je­weils akribischen Nachweises der gelungenen marxistischen Ab­leitung jeder Kategorie. Nicht auf das hausmannskostartige Räsonnement kann es ankommen, den Versuchen einer Rekonstruk­tion der revolutionären Theorie auf jeder Stufe vorzuhalten, sie habe Theoreme der Marxschen Lehre ungenügend abgeleitet oder die Totalität nicht im Griff. Oft sind Krahls Gedanken noch mit den Muttermalen der Kritischen Theorie behaftet, – selbst seine letzten Arbeiten, die den mittlerweile ausgesessenen Meta­physikverdacht, ein Apriorismus läge der Revolution in der Theo­rie des historischen Materialismus zugrunde, an Marx herantragen. Dies sind Relikte, welche die weiteren Debatten über materia­listische Erkenntnistheorie nicht mehr zum Gegenstand ihrer Über­legungen zu machen brauchen; Krahls Arbeiten haben selber da­zu beigetragen, dass die Rekonstruktion der Marxschen Lehre den seit der II. Internationale und dem Stalinismus angestammten Vorurteilen nicht mehr aufsitze. Verkürzungen Marxscher Begriffe oder die oft spekulativen Ableitungen kennzeichnen die Eile, in der zur Zeit des aktiven Widerstandes der Hochschulrevolt gedacht wer­den musste; sie sind zugleich Index für die Notwendigkeit revo­lutionären Denkens, sich auch als vorübergehendes Theorem fest­halten zu müssen, als transitorisches Denken.

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Proletarier aller Länder, bekämpft euch!

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Anmerkungen zur Flüchtlingskrise

Freundinnen und Freunde der klassenlosen Gesellschaft, Sept 2016

1. Im Herbst letzten Jahres schien es, als würden wir Zeugen einer politischen Zäsur. Die Massenbewegung flüchtender Menschen zeigte der Festung Europa ihre Grenzen auf. Allerdings hatte dies jenseits der wörtlichen Bedeutung wenig mit einer Bewegung gemein, geschweige denn mit einer erwachenden »Multitude«, die auf die Grundfesten der herrschenden Ordnung zielen würde. Die Geflüchteten forderten zunächst nichts außer dem Recht auf Anwesenheit, das sie temporär bereits durchgesetzt hatten; mit ihrer Raumeinnahme schufen sie kurzerhand Fakten. Obwohl es vor allem die »Willkommenskultur« war, die das staatliche Versagen durch praktische Hilfe auffing, wurde der Zusammenbruch des Grenzregimes von der radikalen Linken begrüßt und teilweise als »Selbstermächtigung« und »Autonomie der Migration« gefeiert.

Andere witterten hinter Angela Merkels zeitweiliger Politik der Grenzöffnung einen Masterplan des Kapitals, den Arbeitsmarkt durch billige und willige Neuankömmlinge aufzufrischen. Manche Linke sehen darin eher eine Bedrohung und sind spätestens nach den Übergriffen in der Silvesternacht in Köln auf einen Abschottungskurs eingeschwenkt. Angesichts des Deals mit der Türkei und geplanter Internierungslager in Libyen scheinen inzwischen beide Deutungen fragwürdig. Kurzzeitig überrumpelt, sind die Herrschenden wieder am Zug, und ihr Interesse an billigen Arbeitskräften scheint begrenzt. Vielmehr zeugt das Geschehen von den Herkunftsländern bis nach Europa von einem erdrückenden globalen Überschuss an Arbeitskraft, den wir Surplus-Proletariat nennen. Durch ihn wird die Klasse der Lohnabhängigen in immer stärkere Konkurrenz gesetzt; er wirkt als Treibsatz von Abstiegsangst, Chauvinismus, Spaltung. Die handliche Losung Das Problem heißt Rassismus geht daran vorbei.

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